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Fortuna-Punkte: Pyro-Diskussion, die 1.895ste…

Im Juli 2011 läutete die Fortuna den kommenden Aufstieg in die erste Bundesliga mit einem Sieg im Vorbereitungsspiel gegen PAOK Saloniki im Paul-Janes-Stadion ein. Es war ein rauschendes Fußballfest, bei dem F95- und PAOK-Fans gemeinsam und aufs Feinste feierten. Mich hatte es in den Block E verschlagen, wo ich mich im Kreise griechischer Zuschauer wiederfand. Da stand ein Typ mit einem Kleinkind auf dem Arm zwischen den Sitzen und strahlte die wilden Invaders auf der Süd an. Dann reichte er das Baby seiner Mutter, zog einen Bengalo aus der Hosentasche und zündete ihn unter lauten Anfeuerungen der drumherum sitzenden Leute an – ein herrlicher Anblick! Komischerweise zog dieser wundervolle Nachmittag keine Pyro-Debatte nach sich, auch keinen ARD-Brennpunkt wie knapp ein Jahr später nach dem legendären Relegationsspiel gegen die Hertha, zu dem der olle Rehagel den schönen Begriff „Halbangst“ prägte.

Seitdem aber kommt es immer und immer wieder zu dem, was inzwischen lapidar „Pyro-Diskussion“ heißt. Die finden vorwiegend im virtuellen Raum der sozialen Medien und Foren sowie in den Kommentarspalten der Medien statt. Zu Wort melden sich dort in aller Regel Leute, die in ihrem Leben noch nie näher als vielleicht fünfzig Meter an eine Fußball-Pyroshow herangekommen sind. Ich hatte das Vergnügen, eine solche Debatte auf dem Bahnsteig im Hauptbahnhof Ulm führen zu dürfen. Der Verlauf war so typisch wie ermüdend. Herr Pyro-Gegner begann mit der Frage, ob man die Zündler nicht identifizieren, einfangen und hart bestrafen können, während Frau Pyro-Gegner sich danach erkundigte, wie die Jungs denn das Zeug überhaupt ins Stadion bekommen. Natürlich führte man dann – gelernt aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen – an, dass Bengalos saugefährlich, weil mehrere Tausend Grad heiß seien. Außerdem sei es verboten, führte ein ebenfalls wartender F95-Fan an, der hinzugekommen war. Es schade dem Verein, weil es Geld koste, das dann für Spielerkäufe fehle.

Die Schönheit der brennenden Kurve

Herzerwärmende Pyro
Nach meinem kurzen Plädoyer für die Schönheit einer brennenden und qualmenden Kurve driftete das Gespräch dann ins Schmierölpsychologische ab. Da seien doch alles bloß Selbstdarsteller, soziale Verlierer, die etwas zu kompensieren hätten und überhaupt: Wer sowas macht, ist kein Fan. Wer sich an den bisherigen 1.894 Pyro-Diskussionen beteiligt hat, kennt diese Gebetsmühle zur Genüge. Wendet man dann ein, dass auch Millionen Autofahrer bei Rot durchfahren, obwohl es verboten sei, kriegt man was von Äpfeln und Birnen zu hören (obwohl die Gefahr für Menschen in diesem Fall um ein Vielfaches größer ist als beim Bengalo-Zünden). Nach einigem Hin und Her auf dem zugigen Bahnsteig ging man ergebnislos auseinander. Wie man eben nach JEDER Pyro-Diskussion ergebnislos auseinandergeht. Nicht nur unter Interessierten auf Facebook oder sonst wo im Web, sondern auch, wenn die Debatte mal zwischen dem DFB und Fanvertretern geführt wird.

Im Jahr 2012 hat es bekanntlich Ansätze einer Diskussion zwischen dem Verband und den Vertretern der Ultras verschiedener Vereine gegeben. Und obwohl sogenannte „Fan-Forscher“ der Ansicht waren, die Legalisierung kontrollierter Pyro-Shows könnten den Konflikt zwischen dem DFB und den Fans langfristig entschärfen, brachen die Verbandsvertreter die beginnenden Gespräche seinerzeit ohne Begründung einfach ab. Warum zur Hölle fragen sich die Pyro-Gegner eigentlich nie oder selten, weshalb der DFB das Zünden von Seenotrettungsfackeln und Rauchtöpfen in den Stadien überhaupt verbietet? Wo doch die Zahl der Unfälle durch Pyrotechnik bei Fußballspielen extrem niedrig ist – an der Gesundheitsgefährdung kann es eigentlich nicht liegen, obwohl dies vom DFB immer wieder behauptet wird.

Man kann annehmen, dass es in erster Linie um die Zähmung der Fans geht. DFB und DFL fürchten anscheinend die Autonomie der aktiven Fans, die sich weiterhin ihre Fußballkultur jenseits des TV-orientierten Soccer Entertainment Business erhalten wollen. Gleichzeitig sollen weiterhin Familien als Hauptzielgruppe für den Stadionbesuch rekrutiert werden, und im Zeitalter der Helikopter-Eltern ist es für Papas unzumutbar, dass ihre Sprösslinge mit Feuer konfrontiert werden. Damit die Kinder keine bösen Wörter lernen, sollen ja jetzt auch Schmähbanner und verletzende Sprechchöre verboten werden – die es in deutschen Stadien seit einem halben Jahrhundert gibt, ohne dass dadurch Pänz je Schaden genommen hätten. Das Risiko, dass die Stimmung (für die gerade deutsche Stadien international berühmt sind) unter der Zähmung leiden, gehen die Vermarktungsorganisationen ein. Und setzen auf von den Vereinen regulierte Fan-Clubs nach dem Muster der DFB-Auswahl.

Alternative Konzepte müssen her

Pyro & Raketen
Wenn das Risiko wirklich zu hoch ist, dass Unbeteiligte zu Schaden kommen, weshalb erarbeiten die Experten nicht alternative Konzepte für das, was man „kontrolliertes Abbrennen von Pyrotechnik“ nennen könnte? Die Weigerung des DFB, dieses Thema konstruktiv weiterzuführen, hat zu einer kollektiven Jetzt-erst-recht-Haltung fast aller Ultra-Gruppierungen fast aller Vereine der oberen drei Ligen geführt. Sollen die leuchtenden Bengalos doch eigentlich für eine emotionale Stimmung sorgen, sind sie heute oft nicht mehr als Versuche, den Verband und die Ordnungskräfte zu provozieren. Außerdem zeigen die Zündler so den Security-Leuten und der Polizei damit den Mittelfinger und sagen: Ihr könnt kontrollieren wie ihr wollt, wie kriegen ins Stadion, was wir wollen. Das Ergebnis sind verhärtete Fronten.

Meine ganz persönliche Haltung zum Thema ist: Brennende Bengalos sehen toll aus, manche Rauchdinger auch. Böller gehen gar nicht. Und wer eine Fackel oder etwas Brennendes oder Knallendes auf den Platz wirft, verdient eine Tracht Prügel. Wobei ich eigentlich ein ziemlicher Angsthase in Sachen Feuerwerk bin. Nur habe ich auch in der Nähe zündelnder Ultras eigentlich nie das Gefühl gehabt, ich sei in Gefahr. Denn die Jungs wissen, was sie tun. Die haben Erfahrung im Umgang mit den Fackeln, die bringen sogar Löschdecken mit, um Bengalos auf dem Boden zu ersticken. Ja, auch dies selbst bei einem Auswärtsspiel in Bochum erlebt: Sie gehen vehement gegen Leute vor, die unabgestimmt (und in dem Fall auch unsachgemäß) im Block zündeln.

Aber: Je verhärteter die Fronten sind, desto mehr wird der Widerstandsgeist der jungen Männer gereizt, die ja in ihrem Männlichkeitswahn eh gern die Haltung vertreten „Ich mach, was ich will.“ Natürlich wird es immer mehr zur Mutprobe, ein Bengalo zu zünden und damit Stadionverbote, Geldstrafen oder gar Regressforderungen zu riskieren. Schließlich wird man als SV-Betroffener schnell zum Helden der Szene.

Gebt das Feuer frei!

Bisschen Pyro
Durch die Blockadehaltung des DFB und den Trotz der Ultras wird der Pyro-Show mehr und mehr ihre Schönheit und ihre euphorisierende Wirkung genommen. Das kann man am Bengalo-Verhalten der F95-Ultras beim Spiel in Gladbach ganz gut ablesen. Konnte man die ersten beiden Aktionen noch im Sinne einer Choreo verstehen, bei der das Zusammenwirken aus blendend rotem Feuer, weißem und rosafarbenen Rauch und Hunderten rotweißer Fahnen wirklich alle Fans im Auswärtsblock mitriss, begann beim andauernden Zünden einzelner Bengalos und Rauchdinger dann doch das Kopfschütteln und man fragte sich: Muss jetzt jeder, der sich für mutig hält, seine persönliche Fackel abbrennen? Für die Stimmung brachte das gar nichts mehr. Im Gegenteil: Der Zorn der eigentlich pyrofreudigen F95-Fans stieg und erreichte fast das Niveau des Ärgers, den der Vorstandsvorsitzende Robert Schäfer später gegenüber den Medien äußerte.

Wie sollte es weitergehen? Der schlaue Kollege Paul Linke von der Berliner Zeitung schlug kürzlich vor: Gebt doch einfach das Feuer frei. Und bot ein Lösungskonzept an, das ich in jeder Hinsicht vollkommen unterstützen. Nur wenn kontrollierter Einsatz von Pyrotechnik (meinetwegen auch sogenannter „kalter Fackeln“) legalisiert wird, indem die Rahmenbedingungen geregelt und von allen Seiten verlässlich eingehalten werden, ist allen Seiten geholfen: Es kann völlig legale, wunderschöne Pyro-Choreografien geben, die für Stimmung sorgen, die Jungs, die gern zündeln, können dies konstruktiv und geregelt tun, und niemand muss mehr Halbangst haben.

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