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F95 vs Frankfurt 0:3 – Das ganze Elend des modernen Fußballs

Eigentlich ist es völlig sinnlos über das Ergebnis des gestrigen Spiels zu sprechen. Es ist – dem hilflosen Schiri Hartmann und dem möglicherweise alkoholisierten Videoassi Zwayer im Kölner Loch sei Dank – eher zufällig entstanden. Dass der Sieg für die Frankfurter gerade so eben in Ordnung geht, gibt daher auch nur die Statistik her. Nicht nur das – typisch für den DFB, den die SGE-Fans per Transparent zu „Korrupten Bastarden“ erklärten – völlig verhunzte System des Videobeweises zeigte, dass der moderne Fußball so ziemlich am Arsch ist. Sonst würde es ein Ligaspiel an einem Montag um 20:30 ja gar nicht geben. Es sei denn, die Verbände wollen den Auswärtsfan final ausrotten. Ob die TV-Versender, die den ganzen Quatsch ja mit ihren Milliarden alimentieren, noch Kohle raushauen, wenn bei allen Partien eine Stimmung wie beim FCB herrscht, wird die entscheidende Frage sein.

Jedenfalls: Da reisen rund 4.000 Fans der Frankfurter Eintracht, die ja schon am Donnerstag mit möglicherweise 16.000 anderen nach Mailand fahren werden, an einem Montag zu einem um 20:30 angepfiffenen Spiel an und verbringen die erste Halbzeit aus Protest gegen diese Montagsspiele und generell die Spieltagszerstückelung draußen vorm Block – Respekt vor so viel Konsequenz. Respekt auch gegenüber den F95-Ultras, die diese Aktion unterstützt haben und in den ersten 15:30 Minuten vor der Tür blieben. Die resultierende Stümmung erinnerte sehr an die Aktion 12:12 vor etwas mehr als sechs Jahren, auch wenn sie dank der vielen Bokyottboykotteure auf Düsseldorfer Seite nicht ganz so gespenstisch war. Auf der Süd brüllten plötzlich Leute lauthals Anfeuerungen, die ansonsten nie den Mund aufbekommen – das nur, um den Ultras einen reinzudrehen. Da fragt man sich schon, unter welchen Steinen diese kleingeistigen Herrschaften wohnen.

Abseits? Ja, nein – ooooh

Die Boykotteure hatten sich vor den Eingängen zu ihren Blocks versammelt. Einer hielt sein Smartphone hoch, auf dem die Live-Übertragung des Spiels lief; und schon nach wenigen Minuten gab es Aufregung mit folgendem Aufstöhnen. Ein Frankfurter hatte die Pille versehentlich in den Lauf von Dawid Kownacki gespielt, der aufs gegnerische Tor zu lief und das Ding versenkte. Hartmann pfiff ab mit der Begründung, es sei Abseits gewesen – Hallo? Abseits, wenn der Ball vom Gegner kommt? Nachdem ihn der vierte Offizielle auf diesen Fehler aufmerksam gemacht hatte, entschied er trotzdem auf Abseits. Und jetzt kommt’s: Gegenüber dem ehemaligen Fußballfachblatt „kicker“ erklären die angeblich Unparteiischen nach dem Spiel, Lukebakio habe den Fehlpass abgefälscht, deshalb sei es Abseits gewesen. An der Stelle hätte man schon anfangen können, das Endergebnis auszuwürfeln.

Sehr komisch wurde die Atmosphäre, nachdem die Ultras ihre Plätze eingenommen, aber einen eingeschränkten Support servierten. Ja, meine Güte, das Dauertrommeln kann einem auf den Nerv gehen, aber deswegen die Abwesenheit der Drummer mit lautstarkem Beifall zu feiern, ist einfach nur daneben. Trotzdem kam nie das Gefühl eines richtigen Ligaspiels auf – es fehlten einfach die gegnerischen Fans. Selbst sechzig Anhänger aus Hoffenheim bewirken da schon etwas. Man merkte es dem Spiel deutlich an, dass die Spieler durch die Situation leicht verunsichert waren. Andererseits schien es auch so, als habe der Trainer den Eintrachtlern Schonung verordnet: In Halbzeit 1 liefen sie wenig und ungewohnt langsam (was sich in der zweiten Spielhälfte drastisch ändern sollte).

Viererketten sicher

Die Fortuna stand in der Defensive gewohnt sicher, die beiden Viererketten im 4-1-4-1-System verschoben perfekt, und meistens wurden ballführende Frankfurter gedoppelt oder gar getriplet. Dafür ging offensiv allerdings wenig. Marcel Sobottka war als Mann zwischen den Viererketten ein bisschen aus dem Kreativbetrieb ausgesperrt, und Aymen Barkok als offensiver Sechser ließ den Wunsch nach einem gesunden Kevin Stöger ständig aufkommen. Dass die wundervolle Stürmerreihe, die bei 4:0 auf Schalke reüssiert hatte, nicht zum Zuge kam, lag vor allem daran, dass Kownacki schon in der 18. Minute mit einer Oberschenkelgeschichte raus musste. Ihn durch Rouwen Hennings zu ersetzen, war vielleicht nicht die beste Idee der Trainerbande, weil mit dem Wusel unter den Stürmern funktionierte das Angriffssystem überhaupt nicht mehr.

Wie so oft quittierte Dodi das mit einer spürbaren Lustlosigkeit und ewigen Versuchen, drei oder gar vier Frankfurter auf engstem Raum auszuspielen – in diesem Gemütszustand ist der Herr Lukebakio keine Verstärkung. Ganz anders hat sich da sein Kollege Benito Raman entwickelt, der auch nicht mehr einfach nur rauf und runter rennt und ab und an mal so halbe Fernschüsse ansetzt: Dem guten Benito hat der BeFTraZ (Bester Fortuna-Trainer aller Zeiten) Funkel einen Riesenportion Spielverständnis und -klugheit beigebogen. Immerhin ist sich Dodi nicht zu schade, jederzeit seine Defensivaufgaben zu übernehmen und im vollsten Umfang zu erfüllen. Auch das hat Raman inzwischen vollumfänglich internalisiert.

Raman, immer wieder Raman

Der nämliche Raman wird dann in der 37. Minute von einem Frankfurter umgesenst – der kommt mit gestreckten Beinen und offenen Sohlen auf den kleinen Belgier zugeflogen, offensichtlich mit der Absicht ihn zu verletzen. Keine Frage: Das ist eine glatte rote Karte! Der durchgeknallte Referee nimmt sich den Gewalttäter aber erstmal beiseite, um ein bisschen Du-du-du zu machen und zückt dann wenigstens die gelbe Karte. Übrigens: Der Täter wird später eine Rolle spielen, wo er möglicherweise die rot-gelbe Platzverweisung verdient hätte. Ansonsten stehen bis zur Pause drei Torschüsse der SGE-Kicker auf der Liste, aber keine einzige ernsthafte Torchance. Fortuna hat ebenfalls nur vier Schüsse aufs Tor zu verzeichnen, aber – die Fehlentscheidung inklusive – mindestens zwei echte Budenmöglichkeiten.

Die zweite Halbzeit begann mit einem Knaller – und zwar im wörtlichen Sinne. Die auf ihre Plätze strömenden Frankfurter Fans schickten nämlich einen gewaltigen Böller als Vorboten in die Halle. Danach wurde ein bisschen gezündelt, aber das war wohl eher so proforma. Jedenfalls setzte sofort der volle Support auf beiden Seiten ein, die Atmosphäre im Stadion veränderte sich und die Mannschaften traten komplett anders auf als in den ersten 45 Minuten; dies als Kommentar zur These, dieses ganze Getrommel und Gesinge haben eigentlich keinen Einfluss aufs Spiel. Wobei zunächst nicht genau zu fassen war, was genau beispielsweise die Eintrachtler anders machten.

Tendenziell Tempofußball

Gut, sie standen höher, bewegten sich mehr und zeigten ansatzweise den Tempofußball, mit dem sie in dieser Saison für Furore sorgen. Leider reagierten die Fortunen darauf nicht angemessen, sondern schienen – das war ihnen in der Hinrunde mehrfach passiert – noch nicht richtig anwesend. Prompt kam in der 48. Minute eine 08/15-Flanke auf einen völlig blanken Frankfurter an der linken Ecke des Fünfmeterraums. Der köpfte die Pille einfach in die Maschen. Zwei Fragen belasten unseren Tormann Nr. 1 Michael Rensing: Hätte der die Flanke abfangen können? Stand er in Bezug auf den späteren Torschützen falsch? Fakt bleibt, dass der Mann nie und nimmer derart frei und ungedeckt da hätte stehen dürfen.

Mehr kommt aber von den Europaligisten erst einmal nicht. Im Gegenteil: Die F95-Mannschaft wacht langsam auf und justiert gegen die inzwischen recht tief stehenden Gegner neu. Über gut eine Viertelstunde aber ohne wirklich erwähnenswerte Aktionen. Hennings – vorwiegend mit dem Rücken zum Tor – spielt seinen Streifen runter: Wühlen und den Torwart anlaufen. Dodi hat keinen Bock mehr. Käpt’n Fink und Raman laufen und rennen und tun und machen. Auch Matthias Zimmermann (War er derjenigen, der den Torschützen hätte decken müssen?) und Nico Gießelmann werden offensiver – und weil selbst Kaan Ayhan sich weiter vorne ansiedelt, wird Sobottka nicht selten letzter Mann bzw. IV neben Marcin Kaminski. Und dann die 61. Minute…

System „Videobeweis“ kaputt

Handelfmeter für Fortuna! Raman schlägt eine wunderbare Flanke volley Richtung Elferpunkt, wo der Frankfurter mit der gelben Karte herumhampelt und dabei den Ball an den Arm bekommt. Der verwirrte Schiedsrichter zeigt SOFORT auf den Punkt; Dodi hat sich die Pille schon geschnappt und bereitgelegt. Vier SGE-Typen belabern den Regelmann, und der fasst sich ans Ohr: Zwayer aus dem Kölner Loch hat sich gemeldet und legt ihm nah, sich die Szene noch einmal anzuschauen. UND DAS IST EIN KLARER REGELVERSTOSS! Der VAR hat sich ausschließlich bei deutlichen Fehlentscheidungen einzuschalten – die schnelle und klare Entscheidung des Clowns im blauen T-Shirt war aber mitnichten eine DEUTLICHE Fehlentscheidung.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Nein, es war kein eindeutiges Handspiel; nicht einmal das Stadium der Situation aus verschiedenen Perspektiven gibt Klarheit. Nur, was soll diese Form des sogenannten „Videobeweises“, wenn sich die Beteiligten nicht einmal an ihre eigenen Regeln halten? Man kann für oder gegen den VAR sein – wer sich in anderen Sportarten tummelt, die diese Instanz kennen, kann man nicht ganz und gar dagegen sein -, aber wie er vom DFB gehandhabt, ist völlig irre und verringert die Gerechtigkeit insgesamt deutlich. Der allergrößte Fehler ist vermutlich, dass der Videoassistent im mittlerweile sagenumwobenen Kölner Keller (der sich übrigens NICHT neben der Einsturzgrube des Stadtarchivs befindet) hockt und nicht im Stadion anwesend ist; der sitzt da abgeschottet vom Geschehen und wird tendenziell so entscheiden wie Millionen Sofakartoffeln, denen Fußball nur Nebengeräusch zum Krachen der Chips ist.

Und hier rundet sich der Kreis des elenden, modernen Fußballs: Eine Bande einflussreicher, ja, entscheidender Konsorten in den Verbänden betrachtet den ehemaligen Sport längst nur noch als Produkt, dass es möglichst profitabel zu vermarkten gilt. Spätestens seit die Einnahmen einer Liga aus dem Verticken der TV-Rechte die Summe der Eintrittsgelder um das Zehnfache überschritten hat (und das war vor mehr als 20 Jahren), geht es der genannten Bande nur noch um Kohle. Den wenn ihre Organisation mehr Schotter anhäuft, werden auch ihre Bezüge steigen – und zwar proportional. Nun zahlen die Fernsehversender ja nur aus einem einfachen Grund immer mehr: Eine höhere Quote bringt mehr Werbeeinnahmen. Für das Geschäftsmodell „Soccer Entertainment“ spielt der Zuschauer vor Ort keine Rolle, nur der Konsument vor der Glotze zählt. Darauf richten sich alle Maßnahmen: Zersplitterung der Spieltage, Promifizierung der Spieler, aber eben auch Erfindung des VAR.

Geschäftsmodell „Soccer Entertainment“

Mit dem nicht gegebenen Elfer ist der Drops gelutscht. Zwar bemühen sich die Fortunen noch, und Hennings versägt gleich zwei Tausendprozenter innerhalb weniger Minuten, aber die Mailandfahrer machen einfach dicht und haben die Sache insgesamt gut im Griff. Dass sich das F95-Team noch zwei Kontertore in der Nachspielzeit einfängt: Geschenkt. Es wäre eh nichts mehr zu ändern gewesen. Noch ein Element des elenden, modernen Fußballs, das manchmal Erkenntnisgewinn bringt: die Spielstatistik. Danach lagen alle relevanten Werte recht dicht beieinander, was ja für ein Remis sprechen würde. Aufgeschlüsselt nach Halbzeiten ergibt sich ein anderes Bild. In den ersten 45 Minuten war die Fortuna in jedem Belang besser, in den zweiten überflügelten die Eintrachtler die Jungs in Rot vor allem in zwei Werten, nämlich bei den Zweikämpfen und der zurückgelegten Strecke. Außerdem fielen sage-und-schreibe 80 Prozent aller fortunistischen Fehlpässe in die zweite Halbzeit.

Mit dem FußballSPORT hatte der Abend in der Halle neben der Messe relativ wenig zu tun. Das lässt sich auch am Medienecho ablesen, denn alle Blätter und Sendungen, denen die Fortuna nichts bedeutet, arbeiteten sich ausschließlich daran ab, dass die Eintracht am Donnerstag gegen Inter spielen muss. Klar, das ist ein Fernsehereignis, das muss promotet und gepusht werden; denn sollte Frankfurt weiterkommen, winken weitere Spiele mit – wie heißt es immer? – deutscher Beteiligung, die dem übertragenden Sender Quote bringen und damit höhere Werbeeinnahmen.

Die wunderbare Fortuna-Mannschaft der Saison 2018/19 mit diesem wunderbaren Cheftrainer und seinen tollen Co-Trainer muss das alles nicht kratzen; die Niederlage gegen die SGE konnte man einplanen, sie ändert nichts an der Tabellensituation. Fein wäre ein mitgebrachter Punkt aus VW-Burg, aber selbst, wenn man auch dort leer ausgeht, ist das noch kein Beinbruch. Wirklich wichtig werden die Heimspiele gegen Bremen und Hannover, in denen vermutlich die letzten Punkte gegen Platz 16 eingefahren werden müssen. Der Rest ist Bonus…

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