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Was Fortuna aus den bisherigen EM-Spielen lernen kann

Auch wenn nicht alle Partien der Europameisterschaft gut und spannend waren – es gibt interessante taktische Trends. Und aus denen kann Fortuna was lernen.

Analyse · Es ist kein Geheimnis, dass euer Ergebener mit dem Fußball von sogenannten Nationalmannschaften wenig anfangen kann. Irgendwelche Emotionen bringt er weder der DFB-Auswahl noch irgendwelchen „Underdogs“ entgegen. Deshalb hat er sich bei den vielen Partien, die er im TV gesehen hat, ganz auf die fußballerische Seite des UEFA-Zirkus‘ konzentrieren können. Und er ist sich sicher, dass viele, viele Trainer deutscher Clubs der oberen drei Ligen genau studiert haben, wie ihre Kollegen der EM-Teilnehmer ihre Teams haben spielen lassen. Zusammengefasst: Es gab eine Menge hochmoderner Taktik zu sehen. Und davon können Daniel Thioune und seine Fortuna sich ganz konkret etwas abgucken. [Lesezeit ca. 6 min]

Nicht neu, aber auffällig war, in welch extremem Maß die Mannschaften inzwischen von ihren Coaches auf den jeweiligen Gegner eingestellt werden – der zeitgemäßen Videoanalyse sei Dank. Nix mehr mit „Wir müssen nur auf uns schauen“ und anderen Sepp-Herberger-Sprechblasen. Der Fußball nähert sich in Sachen taktischer Vorbereitung ganz eindeutig dem American Football, bei dem mittlerweile Heerscharen an Analysten täglich Dutzende Stunden stattgefundener Spiele anschauen und auseinanderfieseln. Wie man bei der EM genau wie in den großen Ligen sieht, findet diese Analyse inzwischen auch in Echtzeit am Spielfeldrand, wo die Spezialisten vor Tablets auf Stativenm hocken und die Szenen aufbereiten, um sie den Coaches als Material zur Verfügung zu stellen.

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1. Taktische Umstellungen während des Spiels sind Trumpf!

Und trotzdem sind manche Trainer nicht in der Lage, auf die so erzeugten Erkenntnisse angemessen zu reagieren. Nein, es geht schon lange nicht mehr darum, von einer Vierer- auf eine Dreierkette umzustellen oder eine zweite Spitze aufs Feld zu schicken. Es geht um Details, manchmal nur darum, einen Sechser ein paar Meter vor oder zurückzubeordern. Daniel Thioune hat gezeigt, dass er reagieren kann – aber leider auch, dass er es in wichtigen Spielen manchmal einfach nicht tut.

Illertissen vs F95: Daniel Thioune verärgert bis nachdenklich (SCreenshot: Sky)
Illertissen vs F95: Daniel Thioune verärgert bis nachdenklich (SCreenshot: Sky)

2. Es geht um die Räume

Nichts Neues, mag man meinen, aber die erwähnten Analysen, bei denen schon teilweise KI-Modelle genutzt werden, die eine Szene nach allen Regeln der Kunst und in 3D auseinandernehmen, beweisen, dass es immer mehr darum geht, Räume zu erkennen und zu bespielen beziehungsweise Räume anzubieten, um die Grundordnung des Gegners zu verändern. Daniel Thioune ist in dieser Hinsicht definitiv auf der Höhe der Zeit. Zu seiner Spielidee der vergangenen Saison gehörte es ja, den Gegner durch das so oft kritisierte Hintenrum-Spielen in sogenannte „ungefährliche“ Räume zu locken, sodass er selbst Räume entstehen lässt, in die man vorstoßen kann.

3. Der Distanzschuss ist wieder da!

Es hat Trainer gegeben (und es soll sie noch geben), die ihren Spielern Fernschüssen verboten und sie bestraft haben, wenn sie die Pille doch von außerhalb des Sechzehners aufs Gehäuse gehämmert haben. Wie altmodisch! In der Vorrunde kam mehr als ein Viertel der Buden durch solche Distanzschüsse zustande. Erfolgreich aus der Ferne zu schießen, muss systematisch trainiert werden. Es geht dabei nicht nur um die Schusstechnik, sondern darum, Lücken zwischen den gegnerischen und eigenen Kickern in der Box zu erkennen. Also, Daniel Thioune, lass Distanzschüsse trainieren!

Bielefeld vs F95: Prächtiger Distanzschuss von Tanaka - leider nur Latte (Screenshot: Sky)
Bielefeld vs F95: Prächtiger Distanzschuss von Tanaka – leider nur Latte (Screenshot: Sky)

4. Eigentore kann man provozieren

Es hat in der ersten und zweiten Bundesliga schon Mannschaften gegeben, die systematisch Eigentore des Gegners provoziert haben – ist ein bisschen aus der Mode gekommen. Das Rezept ist simpel: Ein Stürmer schlägt scharfe, gern halbhohe Flanken nah vors Tor, zielt also in den Fünfmeterraum. Laufen dort mindestens zwei, besser drei Kollegen hin, ziehen sie Verteidiger mit, die mit dem kommenden Ball irgendwas machen müssen. Die Vorrunde der EM überraschte in der Vorrunde mit einer großen Zahl solcher Eigentore – und gut drei Viertel davon waren auf die beschriebene Weise provoziert. Auch das kann man einüben. Übrigens: Gemeint ist nicht die Strategie bei Standardsituationen, obwohl das auch bei diesen funktioniert.

Bochum vs F95: Das kuriose Eigentor zum 0:1 (Screenshot Sat1)
Bochum vs F95: Das kuriose Eigentor zum 0:1 (Screenshot Sat1)

5. Die Breite und die Tiefe

In der Offensive geht es (siehe oben) immer darum, Räume zu schaffen, in denen Kicker genug Platz haben, gezielt aufs Tor zu schießen. Man hat gerade bei den Mannschaften, die nominell ihrem jeweiligen Gegner unterlegen erschienen, dass sie beinahe alle mit einer Dreier-Fünfer-Kette antraten. Sind in einer Abwehrsituation dann bis zu acht Kollegen hinter dem Ball, bleibt der angreifenden Truppe kaum Platz für ihre Bemühungen. Da hilft nur, das Spiel maximal in die Breite zu ziehen und durch Aktionen über die Flügel hinter die Defensivkette zu kommen. Das geht genau mit dem Rezept, das Daniel Thioune seinen Schützlingen in der vergangenen Saison verordnet und das zu dieser enormen Zahl von 72 Buden geführt hat. Die Idee ist es, beide nominellen Außenverteidiger als Flügelstürmer einzusetzen, die mit den eigentlichen Außenläufern kooperieren. Da müssen die Verteidiger oft zu zweit oder zu dritt auf den Ballführenden gehen und – schwupps – entsteht Platz in der Zentrale.

Das fast exakte Gegenteil davon ist das gezielte Angriffsspiel in die Tiefe, das oft mit dem Wort „Langholz“ diffamiert wird. Klar, manches Team bei der EM hat die langen Bälle nach vorn geschlagen, weil ihnen sonst nichts eingefallen ist. Wenn man aber mindestens zwei sehr schnelle Angreifer hat, ist das Spiel in die Tiefe ein Erfolgsrezept – das haben die Slowaken, Slowenen und Rumänen ziemlich deutlich bewiesen.

6. Der defensive Sechser ist King

Die gute Nachricht aus F95-Sicht ist, dass Daniel Thioune mindestens zwei Jungs im Kader haben wird, die einen defensiven Sechser nicht nur als „Ausputzer“ geben können, sondern diese Position spielgestaltend interpretieren. Die Rede ist von Yannik Engelhardt und Cello Sobottka. Beide könnten sich von Toni Kroos inspirieren lassen. Und von Rodri und und und. Dabei ist der Mann auf dieser Position nicht unbedingt das, was man „Regisseur“ oder „Spielmacher“ nennt, sondern auch derjenige, der (siehe oben) durch seine Bewegungen ohne Ball Räume schafft. Das können Yannik und Cello auch ziemlich gut.

7. Standards sind auch nicht mehr, was sie mal waren

So eine Ecke ist auch nichts anderes als eine Flanke von der Grundlinie, nur mit weniger Dynamik in der Box. Freistöße im letzten Drittel sind auch nichts anderes als Distanzschüsse, nur dass der Keeper dabei besser sehen kann, wie der Ball kommt. Erfolgreich in Buden umgesetzt wurden Standards bisher bei der EM fast nur in Form einstudierter Tricks. Diese zu entwerfen und einzuüben wird sich lohnen.

8. Flexibilität rulez!

Das alte Denken in Stereotypen, was die Position von Spielern angeht, ist out. Das gilt vor allem für den sogenannten „Knipser“. Wie viele Tore wurden denn bisher wirklich durch einen waschechten Mittelstürmer erzielt? Wenige. Wie oft waren es nominelle Innenverteidiger, die als Vollstrecker wirkten? Oft. Weshalb sollten zwei Außenstürmer nicht gelegentlich (und überraschend) die Flügel wechseln? Und kann ein defensiver Sechser, der sich zwischen seine Innenverteidiger fallen lässt, von dort aus nicht das Umschaltspiel starten? Kann er. Auch ein Außenverteidiger, der an der Linie entlang läuft, während der nominelle Außenstürmer nach innen zieht, kann den Gegner überraschen. Von spontanen Änderungen der taktischen Grundordnung ganz zu schweigen. Kurz: Alles Dinge, die unsere Fortuna in der vergangenen Saison ansatzweise schon praktiziert hat.

F95 vs Fürth: Mannschaftsbesprechung an der Seitenlinie (Foto: FP)
F95 vs Fürth: Mannschaftsbesprechung an der Seitenlinie (Foto: FP)

9. Der Dribbler ist wieder da

Irgendwann war er beinahe ausgestorben, der Flügelflitzer, der seinem Gegenspieler Knoten in die Beine spielte. Jetzt ist er wieder da – schneller und trickreicher als je zuvor. Denken wir nur an die beiden spanischen Jungs. Solch ein Dribbler braucht Narrenfreiheit, der muss seine verrückten Ideen in die Tat umsetzen dürfen. Momentan hat die Fortuna keinen Kicker dieser Sorte im Kader – am ehesten noch Dennis Jastrzembski, aber dessen Schwächen kennen wir ja…

Unterhaching vs F95: Chris Tzolis im Dribbling (Foto: Sandra Drljaca)
Unterhaching vs F95: Chris Tzolis im Dribbling (Foto: Sandra Drljaca)

10. Starke Kopfballspieler werden immer wichtiger

Ganz offensichtlich haben viele Trainer der EM-Mannschaften diese Erkenntnis schon vor dem Turnier gehabt. So viele Kopfballduelle im Strafraum hat man selten gesehen. Und nicht wenige davon führten zu Toren. Weil es ja oft die Innenverteidiger sind, die so Buden machen, müssen sie in den entsprechenden Situationen in den gegnerischen Sechzehner – nicht nur bei Standards. Was aber eine strukturierte Restverteidigung erfordert. Die aber kann durchaus von nominellen Stürmern geleistet werden, die sich gegebenenfalls bis zur Mittellinie zurückziehen. Das haben wir bei der Fortuna bisher noch nicht so oft gesehen.

F95 vs SVS: Feiner Kopfball von Hoffmann (Screenshot: ARD Sportschau)
F95 vs SVS: Feiner Kopfball von Hoffmann (Screenshot: ARD Sportschau)

Fazit

Euer Ergebener meint erkannt zu haben, dass es nicht mehr die „Superstars“ sind, die Spiele entscheiden, sondern dass die Taktik mit den geschilderten Feinheiten Schlüssel zum Erfolg ist. Das hat Auswirkungen auf die Kaderplanung. Gerade für Vereine mit knapper Finanzdecke wie der Fortuna bedeutet dies, dass es kaum Sinn macht, irgendwelche etablierten Kicker für teuer Geld zu holen, sondern dass es darum geht, einen Kader zu formen, der jederzeit als Team funktioniert. Also müssen Klaus Allofs und Chris Weber nicht „Geld in die Hand“ nehmen, sondern nach Spielern suchen, die zur Spielidee von Daniel Thioune passen. Die gute Nachricht: Genau das passiert gerade.

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