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Ayhan, Karaman und die öffentliche Erregung – eine Betrachtung

[Vorsicht! Sehr langer Text!] Wir leben in erregten Zeiten und einer Ära, in der Menschen immer öfter einfache Antworten auf komplexe Fragen suchen. Als sich die Fortuna-Profis Kaan Ayhan und Kenan Karaman auf zwei Fotos zum Spiel der türkischen Fußballauswahl dem militärischen Gruß anschlossen, den gewisse Kameraden den Soldaten sendeten, die gerade in Erdogans Auftrag an der Ausradierung der Kurden in Nordsyrien arbeiten, gingen in den sozialen Medien die Wellen hoch, ein Shit-Tsunami stand kurz vor dem Ausbruch. Klar, Krieg ist Scheiße, ein Vernichtungskrieg ist Doppelscheiße und die Invasion einer Gegend im Sinne von Großmachtsphantasien ist ein moralischer Gau. Und den sollen die Herren Ayhan und Karaman durch ihre Geste mal eben gutgeheißen haben. Paar Tage und eine öffentliche Erklärung von offizieller Fortuna-Seite später verweigerten die beiden dann diesen militärischen Gruß. Aus Schaden gelernt, könnte man sagen und den Aktendeckel zuklappen. Dafür hat die Angelegenheit aber zu viele Aspekte, die in Summe eine einfache Einschätzung unmöglich machen.

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Da wurde ja rasch lamentiert, Politik habe in Fußballstadien nichts zu suchen. Sehen FIFA, UEFA und DFB ja prinzipiell auch so, können aber nicht wirklich erklären, wann welches Verhalten als politisch und damit unzulässig gewertet wird. Im November 2012 salutierte der FCB-Spieler Mario Mandzukic nach einem Tor im Spiel gegen Nürnberg – genau an dem Tag, als zwei kroatische Generäle in Den Haag vom Vorwurf Kriegsverbrechen begangen zu haben, freigesprochen worden waren. Vorher und hinterher hat er das nie wieder – zumindest ist derlei nicht dokumentiert – getan. Er kam mit einer Verwarnung durch den DFB und ohne Strafe davon.

Eine Frage der Geste

Eindeutiger verlief die Angelegenheit des Josip Simunic, der von der FIFA für zehn Spiele gesperrt wurde, weil er nach der WM-Quali-Partie der Kroaten gegen Island im Chor mit kroatischen Fans lauthals den Kampfruf der faschistischen Ustascha gegrölt hatte. Xerdan Shaqiri und Granit Xhaka treten als geborene Kosovaren für die Schweiz an und zeigten bei einem Länderspiel gegen Serbien den albanischen Adler per Geste – was ihnen eine gebührenpflichtige Verwarnung eintrug. Am eindeutigsten aber war das Verhalten des bekennenden Neofaschisten Paolo Di Canio, der seine ebenfalls neofaschistischen Fans von Lazio mehrfach mit dem „römischen Gruß“ feierte – am häufigsten und aggressivsten in einem Spiel gegen AS Livorno, einem Verein, die ebenfalls bekennend links orientiert ist; die 10.000 Euro Strafe kamen durch Spenden seiner Anhänger zusammen.

In diesen und weiteren, straffrei gebliebenen Fällen handelt es sich durchweg um Gesten und Parolen, mit denen Fußballer ihre nationalistische Grundhaltung öffentlich machen wollen. Klar, die Auswahlen der diversen Fußballverbände werden ja von den Medienvertretern immer noch und ganz umstandslos als „Nationalmannschaften“ bezeichnet. Und natürlich wird von den Kommentatoren bei einem Team der Türkiye Futbol Federasyonu immer noch von „den Türken“ gesprochen. Weil Nationalismus aktuell ein bisschen heikel ist, hat der geniale Herr Bierhoff mit einem Heidenaufwand versucht, die DFB-Auswahl einfach als „Die Mannschaft“ (ohne national) zu verkaufen, und in Spanien mit seiner katalanischen Separatistenbewegung gibt es den Ausdruck „Nationalmannschaft“ einfach nicht. Am einfachsten haben es die Insassen des Vereinigten Königreichs, die für jedes Land ihrer Vereinigung eine eigene Verbandsauswahl antreten lassen können. Auffällig ist, dass der Fußball vor allem in relativ jungen und in nicht demokratisch verfassten Staaten als Projektionsfläche für den überbordenden, meist chauvinistisch angelegten Nationalismus herhalten muss. Oder wie ein Facebookler angesichts der Ayhan-Karaman-Affäre kommentierte: „Nationalstolz ist doch nichts Schlechtes.“

Patriotismus und Nationalismus

Da müsste man dann eine längliche Debatte über die Unterschiede zwischen Patriotismus und Nationalismus sowie deren Auswirkungen in chauvinistischer und/oder rassistischer Hinsicht sowie das jeweils landeseigene Militär führen. Und über den Fußball als Spielfeld zum Ausleben von Hass gegen andere Städte, Orte, Gegenden, Länder und Staaten. Auf die Spitze getrieben wird dieses Prinzip von Staaten, die nicht nach den Regeln der Demokratie funktionieren, sondern nach mehr oder weniger kruden Auslegungen der islamischen Scharia. Deren Soccer-Teams treten aus muslimisch begründetem Antisemitismus nicht gegen die Mannschaft von Israel an, verweigern jüdischen Spielern von Vereinsmannschaften die Einreise und strafen Kicker ihrer Nationalität ab, die gemeinsam mit Kollegen jüdischer Religion in einem Club Fußball spielen.

Und jetzt „die Türken“. Ein kluger Kopf sagte kürzlich: „Ist doch komisch, wie einig sich eine Mehrheit in der Bundesrepublik darüber ist, dass Erdogan ein Diktator ist. Wäre der Präsident eines irgendwie europäischen Landes, wäre die Erregung vermutlich kleiner.“ Man kann auch sagen: In der Einigkeit vieler, vieler Deutscher von ganz, ganz links bis weit nach rechts außen gegen das AKP-Regime spiegelt sich auch und oft sogar als einziges Motiv eine tiefsitzende Abneigung gegen „die Türken“ wider. Mit Schaum vorm Mund wird auf den „Erdolf“ geschimpft, und jedes antitürkische Vorurteil darf dabei verstärkend eingesetzt werden – auch von diesem Böhmermann, der das Motiv von den Ziegenfickern mit leichter Hand einsetzte. Das alles in der Regel ohne einen Funken Ahnung von der Geschichte der modernen Türkei nach dem Zusammenbruch des osmanischen Reiches und ohne auch nur das geringste Wissen darüber, wie genau die antidemokratischen Strukturen in der Türkei aktuell aussehen und funktionieren und wen sie wie treffen.

Die besondere Rolle des Militärs für die moderne Türkei

Die Kollegin Alev Dogan hat in der Rheinischen Post dieser Tage einen äußerst nahrhaften Artikel zu diesem Thema veröffentlicht, der sich mit dem türkischen Nationalismus und der besonderen Bedeutung des Militärs für das Nationalgefühl der Türken befasst. Aus Sicht eines in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Krieg aufgewachsenen Menschen ist die Sache nicht leicht zu verstehen, denn wir Nachkriegsdeutschen haben doch aus der Geschichte gelernt und sind mehrheitlich gegen jede Form von Krieg und damit sicher keine Fans der Bundeswehr; man erinnere sich an die Auseinandersetzungen rund um den Außenminister Joschka Fischer und den von ihm vorangetriebenen Einsatz der Bundeswehr im Kosovo-Krieg. Auch dass deutsche Soldaten am Hindukusch und Afghanistan unsere Freiheit verteidigen, mag kaum jemand glauben. Für eine wirklich überwiegende Mehrheit türkischer Bürger – übrigens von der eher linken Seite (CHP) bis zu den Türk-Faschisten – ist die Armee dagegen eine identitätsstiftende, das Land zusammenhaltende Institution.

Das mag man beschissen finden, und das ist aus der Sicht unserer Zivilgesellschaft moralisch verwerflich. Historischer Fakt ist, dass es den modernen Staat Türkei ohne die Unterstützung von Kemal Atatürk durch die seinerzeit a) stark der europäischen Kultur zugewandten und b) strikt den Einfluss der Religion auf den Staat ablehnenden Militärs nicht geben würde. Zudem hat es in den vergangenen 50 Jahren mehrere Situationen gegeben, in denen Militärregierungen den Zusammenhalt des Landes gewährleistet hätten. Wären da nicht die Kurden, könnte alles ganz friedlich sein in Kleinasien. Aber diese ethnische Gruppe hat das geschichtlich bedingte Pech, ein Volk mit eigener Kultur und starker eigener Identität zu sein, dem der Westen bei seinen kolonialen Grenzziehungen im Nahen Osten ein eigenes Territorium versagt hat. So leben die Kurden in einem Gebiet, das größtenteils auf türkischem Staatsgebiet, sich aber eben auch auf Syrien, den Irak, den Iran, ja, sogar auf Armenien und Aserbeidschan verteilt. Diese Ethnie war und ist seit vielen, vielen Jahren allen türkischen Regierungen – nicht nur der von Recip Tayyip Erdogan – ein massiver Dorn im Auge. Zumal die Kurden schon seit gut 60 Jahren nicht nur um ihre Rechte als Minderheit kämpfen, sondern um eine Selbstverwaltung in den mehrheitlich von Kurden bewohnten Gebieten.

Öcalan und die PKK als Alibi

Zu Zeiten einer Militärregierung gründete sich die Arbeiterpartie Kurdistans (PKK) und wählte einen gewissen Abdullah Öcalan zu ihrem Anführer. Die PKK ist – und das würde kein PKKler abstreiten – eine militante, sozialistisch geprägte Untergrundorganisation mit erheblich autoritären Strukturen. Ganz im Stile von Mao, Enver Hodscha und Konsorten ließ sich Öcalan zur großen Führerfigur stilisieren, den sie „Serok“ (= Führer) nennen. Und der sitzt nun schon seit 1999 in türkischer Haft und wird nun auch von Kurden verehrt, die mit der PKK nichts am Hut haben. Man kann auch sagen: Öcalan ist für die Mehrheit der Kurden weniger eine politische Instanz als ein Symbol. Nicht nur deshalb eignet er sich für Erdogan und seine AKP so wunderbar als Rechtfertigung für alles, was das Regime den Kurden antut. Kurden sind aus deren Sicht einfach und durchgehend „Terroristen“; gewinnt eine kurdische, demokratisch gesonnene Partei irgendwo Wahlen, werden die Kandidaten verhaftet und die Partei verboten.

Erdogan hat es geschafft ein „Wir, die Türken, gegen die Kurden“ in den Köpfen selbst aufgeklärter Türken zu pflanzen. Und weil es ihm politisch langsam an den Kragen geht, nutzt Erdogan diesen sorgsam angelegten Hass auf die Kurden, um einen Nebenkriegsschauplatz aufzumachen, an dem er seinen Arsch retten könnte. Denn der Widerstand gegen ihn, seine Partei und sein antidemokratisches Treiben wächst unaufhaltsam. In keiner türkischen Großstadt ist noch ein AKP-Mann Bürgermeister, Medienmacher erkämpfen sich Freiräume und wegen der strikt nationalistischen Wirtschaftspolitik wächst der Druck, denn das türkische Wirtschaftswunder ist vorbei. Was machen solche Figuren wie Erdogan in solchen Situationen? Genau: Sie führen Krieg. Gegen wen? Genau: Gegen eine Volksgruppe, die alle hassen. Und wer macht in diesen Zeiten der durchgeknallten Populisten den Weg dafür frei? Genau: Der President of the United States, ein gewisser Donald Trump. Deshalb konnten türkische Truppen in Nordsyrien einmarschieren und sich daran machen, die Kurden zu vernichten.

Unscharfes Salutieren

Das ist die Folie, auf der nun diese Mitglieder der türkischen Fußballnationalmannschaft vor ihren Anhängern militärisch salutieren. Wenn man die Ausführungen bis hierher ein wenig auseinanderfieselt, könnte klar werden, dass die Motive für den militärischen Gruß nicht bei jedem gleich und nicht so klar sind. Das Militär zu grüßen, hat auch zu Zeiten, in denen es nicht kriegerisch tätig wird, eine tiefsitzende Tradition in der Türkei. In Kriegssituationen gehört es – wie gesagt: auch bei CHP-Anhängern und noch weiter links stehenden Leuten – zum guten Ton, sich mit den Soldaten im Einsatz solidarisch zu erklären und auf die eine oder andere Weise deutlich zu machen, dass man den Kriegern und ihren Familien eine gesunder Heimkehr wünscht. Und selbstverständlich wird es unter den Halbmond-Kickern auch einige geben, die diese Invasion ins syrische Kurdengebiet uneingeschränkt gutheißen. Das könnte beispielsweise auf Merih Demiral zutreffen, den Kollegen, der unseren Kaan Ayhan mit wüstem Schimpfen und leichter Tätlichkeit dazu bringen wollte, nach dem Tor ebenfalls mit dem militärischen Gruß zu feiern.

Womit wir bei den Hauptfiguren wären. Kaan Ayhan ist türkischstämmiger Deutscher der dritten Generation. Das heißt, das schon sein Vater in Deutschland aufgewachsen ist. Als in den Sechzigerjahren erste Arbeitskräfte aus der bitterarmen Türkei in die Bundesrepublik kamen, galten sie mehr noch als die Leute aus Italien, Spanien und Portugal Gastarbeiter, von denen man annahm und hoffte, dass sie irgendwann wieder verschwinden würden – denn die Türken waren Moslems und konnten nicht wie die Kollegen aus den anderen Ländern über die katholische Religion integriert werden. Und anders als zum Beispiel die Griechen kamen die türkischen Arbeitsmigranten durchweg aus den am wenigsten entwickelten Gebieten der Türkei und hielten am stärksten an den „fremdländischen“ Gebräuchen ihrer Heimat fest. Von Integration war nie die Rede, und erst die Politik der Chancengleichheit in der Bildung, die es damals in den Siebzigerjahren gab, öffnete den Kindern der türkischen „Gastarbeiter“ die Möglichkeit, Deutschland zu ihrer Heimat zu machen. Wenn aber ab 1968, dann wieder Mitte der Achtzigerjahren und vor allem nach der Wiedervereinigung von Neonazis gegrölt wurde „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“ dann waren neben Asylanten und Flüchtlingen immer auch die Türken gemeint.

Von Gastarbeitern und Deutschländern

Dieses Klima bewog viele Türken in Deutschland dazu, sich den Fluchtweg zurück in die Heimat der Großeltern und Eltern offenzuhalten und auch nach dem Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft den türkischen Pass zu behalten. Das führte dazu, dass Zehntausende Jungs mit türkischem Migrationshintergrund und ausreichendem Fußballtalent die Wahl hatten und haben, für die Auswahl des DFB oder eben der türkischen TFF anzutreten. Unterhält man sich mit aktuellen und ehemaligen Profikickern, die das betraf oder betrifft, über diese Situation, wird man vermutlich nicht einen finden, der sagt: „Ich habe aus patriotischen Gründen in einer türkischen Nationalmannschaft gespielt.“ Die Entscheidung für den DFB oder die TFF ist in aller Regel eine vollkommen pragmatische als Antwort auf die Frage: Wo habe ich mehr Vorteile für meine Karriere? Bei Jungs wie dem Gelsenkirchener Kaan Ayhan wird das überdeutlich, denn er hat 2009 zweimal für die türkische U17-Nationalelf gespielt, um dann zwischen 2010 und 2013 die Jugendmannschaften des DFB durchaus erfolgreich zu durchlaufen und sich schließlich doch für die TFF-Auswahl zu entscheiden. Ganz offensichtlich in der Erkenntnis seiner Berater, dass er mittelfristig keine Chance hätte (wie Gündogan, Can und andere) Stammspieler in der deutschen Mannschaft zu werden. Anders liegt der Fall beim im Schwabenland geborenen Kenan Karaman, der mit eher mittelprächtigen Erfolg in den U-Team des türkischen Verbands gespielt hat und ziemlich überrascht war, 2017 dann ins Seniorenteam berufen zu werden.

Man kann auch sagen: Aller Wahrscheinlichkeit spielen Ayhan und Karaman nicht für die TFF, weil sie so glühende Patrioten oder gar Nationalisten sind, sondern weil sie eben einen türkischen Pass besitzen und mehr Wahrscheinlichkeit darin sehen, über das Antreten für die türkische Nationalmannschaft in ihrem Beruf voranzukommen. Natürlich werden sie familiär auch mit dem typisch türkischen Nationalstolz infiziert sein, aber bislang hat keiner von den beiden je auch nur ein bisschen davon irgendwo und irgendwie öffentlich demonstriert. Was die Erregten der vergangenen Tage oft übersehen haben: Ayhan und Karaman sind die beiden einzigen Mitglieder der Kader für die Spiele gegen Albanien und Frankreich gewesen, die nicht in der Türkei geboren sind und die zwei Pässe haben. Früher hätten die Kollegen vermutlich gesagt: „Das sind unsere Deutschländer.“

Fußballprofis – politisch ahnungslos

Weil aber moderne Fußballprofis in aller Regel nicht besonders viel oder gar nichts über Politik und angrenzende Gebiete wissen, konnten Ayhan und Karaman den Salut der Teamkameraden möglicherweise nicht richtig einordnen. Vielleicht wollten sie durch Mittun nur zeigen, dass sie eben trotz ihrer deutschen Pässe eben doch echte Türken sind. Und mit einiger Wahrscheinlichkeit hat ihnen keiner der Mitspieler oder der Funktionäre genau erläutert, was es mit dem militärischen Gruß in dieser geopolitischen Situation auf sich hat. Sie haben also beim Spiel gegen Albanien mitgemacht, weil alle mitgemacht haben. Das hat – wie wir wissen – den anfangs erwähnten Erregungssturm ausgelöst, von dem die beiden sicher etwas mitbekommen haben, der aber vor allem den F95-Vorstand Lutz Pfannenstiel und andere Funktionsträger im Verein aufgeweckt hat.

Und so ist eine öffentliche Erklärung entstanden, die einerseits die Spieler deckt (und das gehört sich so für einen Fußballclub gegenüber seinen Kickern), andererseits die grundsätzlichen, politischen Positionen der Fortuna klarstellt und zudem deutlich macht, dass man mit Kaan Ayhan und Kenan Karaman ernsthaft reden wird. Anscheinend geschah dies umgehend per Telefon, denn anders ist das veränderte Verhalten der beiden Fortunen rund um die Partie der Türkei gegen Frankreich kaum zu erklären. Nach seinem Treffer rannte Ayhan jubelnd auf die türkische Fanecke zu; dann kamen die Mitspieler und bauten sich dort auf, um diesen obskuren militärischen Gruß zu zelebrieren. Da wandten sich sowohl Ayhan, als auch Karaman ab und begaben sich in Richtung Anstoßkreis. Wobei Mehir Demirel Ayhan nachlief und ihn ziemlich aggressiv dazu bringen wollte, zum Salutieren in die Ecke zu kommen, was dieser mit der ihm eigenen Brauseköpfigkeit ablehnte. Und so kam es, dass sich die beiden Fortuna-Spieler Kaan Ayhan und Kenan Karaman als einzige TFF-Kicker auf dem Platz weigerten, den militärischen Gruß zu praktizieren. Was im Übrigen von der bundesdeutschen Medienlandschaft hervorgehoben und äußerst positiv kommentiert wurde.

Applaus statt Shitstorm

Das Verhalten der beiden ist natürlich ein Schlag in die Fresse derjenigen, die nach der Veröffentlichung der Fotos vom Albanien-Spiel sofort schäumten und diverse Sanktionen gegen Ayhan und Karaman forderten. Natürlich nie mit einer irgendwie politischen Begründung, sondern immer mit diesem moralischen Stinkefinger, von dem sie sich Karma-Punkte versprechen. Und sich vor dem Erregen einmal rundum schlauzumachen und sich mit den spezifischen Hintergründen aufzuhalten war einigen Leuten, die sich selbst für tolle Journalisten halten schon zu viel. Klar, hatten doch die Ultras des FC St.Pauli ihren Club dazu gebracht, mit ihrem Sorgenkind Cenk Sahin kurzen Prozess zu machen und diesen Profi zu beurlauben. Nur liegt der Fall bei Sahin völlig anders: Er wurde a) in der Türkei geboren und hat b) wichtige Karriereschritte beim Retortenclub Başakşehir gemacht, den Erdogan hat gründen lassen, um einen AKP-Fuß in die türkische Fußballlandschaft zu kriegen. Genau zu diesem Konstrukt hat sich Sahin nun geflüchtet, was für sich spricht.

Der Wind unter den Liebhabern der wunderschönen, aber launischen Diva hat sich nach den Ereignissen beim Frankreich-Spiel der TFF-Auswahl in rasender Geschwindigkeit gedreht. Massenhaft wird Ayhan und Karaman zu ihrem mutigen Verhalten gratuliert, und man attestiert ihnen dicke Eier. Diese Überschwang darf wieder als Symptom für diesen moralingesäuerten Hass vieler Deutscher auf Erdogan gedeutet werden, tut aber insgesamt gut. Vielleicht aber nehmen Menschen, die sich wirklich für unsere Spieler, ihre Herkunft, ihr Denken und ihre Positionen interessieren, die Sache mal als Anlass dafür sich mit den Hintergründen zu befassen. Das käme nicht nur der Fußballwelt, sondern auch dem politisch-kulturellen Hintergrund aller Beteiligten zugute.


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9 Gedanken zu „Ayhan, Karaman und die öffentliche Erregung – eine Betrachtung

  • Danke, Danke, Danke,… endlich!

    Antwort
  • Danke für diese ausführlichen Informationen.

    Ich finde es schlimm, wie Ayhan und Karaman nach dem ersten „Grüß-Spiel“ niedergemacht wurden, (auch im 95er Forum) ohne das vorher mal ihre Sichtweise gehört wurde.

    Es gibt ein chinesisches Sprichwort, welches mir sehr gut gefällt: „Beurteile niemanden, in dessen Schuhen Du nicht ein paar Tage gegangen bist“ . Ich schaffe es zwar selbst nicht immer, mich daran zu halten, bemühe mich aber.

    Antwort
  • Lieber Rainer.
    Danke für diesen Bericht, er erklärt einiges. Es gibt einen alten Spruch: Einmal ist keinmal, zweimal ist einmal zuviel. Das ist zur „Ehrenrettung“ unserer Fortuna Spieler.

    Ich persönlich tue mich sehr schwer mit einer Ehrfurcht vor Militär. Wenn es sich um eine reine Verteidungsarmee handelt, die auschliesslich „ihr Land“ verteidigt, und dabei Soldaten ihr Leben lassen, dann bekommt ein derartige Ehrenbezeugung für mich einen etwas anderen „Wert“. Aber eine Armee die, ohne „Rücksicht auf Verluste“, in ein souveränes Land einmarschiert und dort Menschen tötet hat für mich diesen Respekt nicht verdient.

    Diese „politische Ahnungslosigkeit“ reduziert sich nicht nur auf Fussballspieler, sondern scheint im Moment irgendwie zum guten Ton zu gehören. Anders kann ich mir nicht erklären, wieso es Menschen gibt, die einen Acker zerstören (Sachbeschädigung) und ein Grundstück besetzen (Landfriedensbruch) und sich dabei noch gut fühlen. Und die, die so etwas machen, sind i.d.R. keine Ausländer.

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    • Hallo Rainer,

      danke für diesen ausführlichen Beitrag.
      Was das salutieren und anschließende nicht salutieren angeht, da gehen die Meinungen ich sag mal „herkunftsbedingt“ auseinander. Ein deutscher Fortuna Fan würde jetzt sagen, für ihn sei die Sache nach dem nichtsalutieren erstmal erledigt und für einen Fortuna Fan mit kurdischer Herkunft wie mich ist das Thema allerdings noch offen. Etwas zu teilen, zu liken, zu posten oder zu sagen und dies dann zuruck zu ziehen, dass sehe ich oft genug bei einem Herrn Gündogan und das kaufe ich ihm und anderen welche ähnliches machen nicht ab. Was Ayhan und Karaman betrifft, da würde ich mir wünschen das sie sich öffentlich von dem Militäreinmarsch distanzieren.

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  • Danke für diesen treffenden Kommentar zum unsäglichen Halbangst-Artikel!

    Antwort
  • Als gebürtiger Düsseldorfer mit türkischen Wurzeln applaudiere ich den Artikel im Stehen. Schön geschrieben und gut recherchiert. Spricht mir aus der Seele.

    Antwort
  • Laut Pressemeldung kam ein türkischer Soldat bei der Offensive um und 350 gegnerische Soldaten. Mich macht dieser Krieg sehr traurig. Jegliche „Grüsse“ aus sportlicher Seite finde ich überflüssig und nicht angemessen.

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