Exklusiv: Kleine Typologie der Fußballzuschauenden
Die Fortuna-Punkte bedanken sich bei Prof. Dr. R. Gebener von der Universität zu Alsenborn, der uns die folgende Studie exklusiv zur Verfügung gestellt hat.
Lesestück · Die Problematik beginn ja schon beim allgegenwärtigen Begriff „Fan“. Das Wort leitet sich vom englischen „fanatic“ ab, das wiederum auf das lateinische „fanaticus“ zurückgeht, das übersetzt „von einer Gottheit ergriffen“ bedeutet. Bei den Menschen, die Fußballspiele live im Stadion oder am TV verfolgen, kann kaum die Rede davon sein, dass sie von einer Gottheit ergriffen sind, es sei denn, Fußball selbst wäre ein Gott. Tatsächlich trifft diese Ergriffenheit nur auf die Anhänger:innen der Düsseldorfer Fortuna zu, der Glücksgöttin. [Lesezeit ca. 5 min]
Aber weiter: Mit dem Wort „Fan“ verbunden ist auch der Begriff „fanatisch“. Der trifft allerdings nur auf einen sehr kleinen Teil der Menschen zu, die Fußball und/oder einen bestimmten Verein zuneigen. Sprechen wir in dieser Studie also besser von Fußballzuschauenden. Darunter verstehen wir Menschen, die zumindest gelegentlich Fußball konsumieren. Unsere Untersuchungen haben ergeben, dass sich diese Gruppe in insgesamt sieben Klassen, die sich teilweise überschneiden, einteilen lässt.
1. Interessierte
Diese Kohorte lässt sich am besten im Kontrast zu ihrem Gegenteil beschreiben, also zu Leuten, die entsprechend befragt sagen: „Fußball interessiert mich nicht.“ Interessierte hängen keinem Club an, höchstens der für sie zuständigen Nationalelf. Sie verfolgen das Geschehen im nationalen und internationalen Fußball eher unregelmäßig und verfügen maximal über Fußballwissen, das aus Phrasen und Floskeln besteht und sich für den Smalltalk eignet.
2. Eventies
Dieses Kunstwort beschreibt Personen, für die Fußball Teil der Unterhaltungsindustrie ist. Auch sie sind keine Anhänger:innen eines Vereins, höchstens von Bayern München – das geht immer. Besonders beliebt bei Eventies ist die Nationalmannschaft, weil sie da ihren Patriotismus ausleben können, ohne sich schämen zu müssen. Frauen sind hier besonders präsent, weil sie dabei modische Selbstgestaltungsmöglichkeiten finden.
Eventies lieben Public Viewing, weil sie dort sehen und gesehen werden. Ins Stadion gehen sie nur, wenn eine berühmte Mannschaft antritt oder wenn ein Spektakel zu erwarten ist. Von Fußball verstehen sie wenig, deshalb jubeln und pfeifen sie gern an den falschen Stellen. Und wenn sich die Partie qualitativ hochwertig, aber unspektakulär entwickelt, langweilen sie sich und rennen rein und rais, um sich mit Getränken und Snacks zu versorgen.
Wenn sie mit anderen über Fußball reden, plappern sie die üblichen Sprüche von TV-Sportkommentatoren nach, üben sich in Namedropping und würden alles anders machen.
3. Konsumenten
Auch diese Gruppe benutzt Fußball als Teil ihres persönlichen Entertainment-Programms und ist in den Stadien und Arenen so gut wie nie vertreten; sie genießen Fußballspiele unterschiedslos im Fernsehen, behaupten gern, Fan von diesem oder jenem Verein zu sein, um eine Begründung dafür zu haben, dass sie sich massiv am angebotenen Merchandising bedienen. Vom bequemen Sofa daheim aus regen sie sich besonders gern über „diese Ultras“ auf und würden alles besser machen, wenn sie bei ihrem Verein Präsident, Vorstand oder Trainer wären.
4. Oldschool-Fans und Kutten
Diese Spezies kann als Beispiel für das Artensterben betrachtet werden, denn da sie ihre besten Fanzeiten in den Achtzigern erlebt haben, gehen sie stramm auf die 80 zu und sind zum großen Teil körperlich nicht mehr in der Lage, die Spiele ihres Vereins live im Stadion zu verfolgen. Besonders die pittoresken Kuttenträger genießen eine Mischung aus Bewunderung und Mitleid, wenn man denn mal einen in der Kurve sieht.
Oldschool-Fans sind die schärfsten Kritiker und Gegner der Ultras, denn früher ging’s ja auch ohne Vorsänger und Pyro. Dass es in den Siebzigern, Achtzigern und Neunzigern in den Stadien oft zuging wie bei einer Beerdigung, blenden sie gern aus. Sie bestehen zu 90 Prozent aus Nostalgie, und ihr meistbenutzter Satzanfang lautet „Weißte noch …“
Sie haben aber nicht nur in Sachen Anfeuerung den Anschluss verpasst, sondern verstehen auch den modernen Fußballsport nicht mehr. Ihre Vorstellung vom erfolgreichen Kick endet ungefähr im Jahr 1998. Sie haben noch den Übergang vom Libero zur Viererkette erlebt und sind Verehrer beinharter Verteidiger in der Manndeckung. Archetypisch für die Sorte Fußballer, die sie verehren, sind Typen die meist Bernd oder Horst heißen (siehe auch: Horst Höttges und Horst Hrubesch).
5. Fans
Auch Fans im engeren Sinn neigen zur Melancholie, weil „der zunehmende Kommerz“ ihnen das genommen hat, was sie am Fußball geliebt haben – diese milde Anarchie in den Stadien. Ihre Erinnerungen sind andere als die der Oldschooler und reichen nicht weiter zurück als bis ungefähr 2002. Die immer wieder erzählten Geschichten drehen sich besonders um „legendäre“ Auswärtsfahrten, um tragische Abstiege und grandiose Aufstiege. Und die Liste der „legendären“ Spiele, bei denen sie live dabei waren, kennt jeder in ihrer Nähe, weil die ständig davon erzählen
Besonders die Insassen dieser Kohorte sind die Bewahrer von Vereinstraditionen und verfügen oft über ein phänomenales Gedächtnis. Sie können die Aufstellungen von 1960 bis 2020 runterrattern, wissen, welcher Spieler in der Saison XY wie viele Tore erzielt hat und kennen die Spielfilme „legendärer“ Partien auswendig. Haben sie sich in Sachen moderner Fußball weiterentwickelt, ist der transfermarkt.de ihre tägliche Bibel; sie kennen die Marktwerte und wissen auch mit Begriffen wie xGoals was anzufangen.
Fans im engeren Sinn bilden auf den Stehplätzen die Mehrheit, lassen sich mehr oder weniger oft und laut von den Gesängen der Ultras anstecken und führen in den Pausen engagierte Fachdebatten. Oft sind sie Mitglieder von losen Verbünden, die schon seit Jahren immer an derselben Stelle stehen oder eine Dauerkarte für den immergleichen Sitzplatz haben. Denn sie sind immer schon Anhänger:innen desselben Clubs, dem sie durch alle Ligen folgen.
6. Ultras
Der Ultra taucht hierzulande Ende der Neunziger Jahre auf und zeichnet sich dadurch aus, dass er einen Teil seines Lebens – meist zwischen 16 und 24 – voll und ganz dem Verein, den er liebt, widmet. Ultras verstehen sich als Bewahrer der Fußballkultur, die ihrer Meinung nach aus dem zeit- und geldaufwendigen Basteln von Choreos, dem Abbrennen von bengalischen Fackeln und Rauchtöpfen sowie dem Wedeln mit mehr oder weniger riesigen Fahnen besteht.
Der Ultra taucht hierzulande Ende der Neunziger Jahre auf und zeichnet sich dadurch aus, dass er einen Teil seines Lebens – meist zwischen 16 und 24 – voll und ganz dem Verein, den er liebt, widmet. Ultras verstehen sich als Bewahrer der Fußballkultur, die ihrer Meinung nach aus dem zeit- und geldaufwendigen Basteln von Choreos, dem Abbrennen von bengalischen Fackeln und Rauchtöpfen sowie dem Wedeln mit mehr oder weniger riesigen Fahnen besteht.
Ultras verachten Eventies, Oldschooler und Fans (die sie „Normalos“ nennen) gleichermaßen und werfen denen vor, nicht richtig und genug zu supporten. Sie sind der Meinung, dass ohne ihre Gesänge samt Dauertrommelei im Stadion Friedhofsruhe herrschen würde. Und dass ohne die von ihnen produzierte „Stümmung“ die Mannschaft in Lethargie und Lustlosigkeit versinken und unvermeidbar absteigen würde. Allen, die nicht zu ihnen, die sich als Avantgarde der Fans verstehen, gehören, unterstellen sie, bloß Fußballkonsumenten zu sein. Und wer sich über ihre Methoden aufregt, ist ein Feind, ist ehrlos und hat ihrer Meinung nach besonders bei Auswärtsspielen nichts verloren.
Da Ultras selten länger als sechs, sieben Jahre Ultras bleiben, gibt es bei den Ultra-Gruppierungen alle paar Jahre Generationswechsel, die meist dadurch ausgelöst werden, dass ein Vorsänger sich aufs normale Leben besinnt und zurücktritt.
7. Hooligans
Diese Spezies, die in den Jahren von etwa 1978 bis 1994 ihre Blütezeit hatte und in England erfunden wurde, ist inzwischen weitgehend ausgestorben. Ihr Interesse am Fußball war gering, und der Kick war immer nur Anlass für ihre eigenen sportlichen Betätigungen. Waren früher derbe Schlägereien an und in der Nähe von Stadien gang und gäbe, hat sich der Hooligan mittlerweile so weit vom Fußball entfernt, dass er seine Matches beinahe nur noch „auf dem Acker“ (Hooligan-Slang) austrägt, also an Orten, an denen sie bei den Boxereien ungestört sind.
Unter den Fans im engeren Sinn und teils auch unter den Ultras kursieren Heldengeschichten berühmter Hooligans, und manche vom Testosteron geplagten Jungmänner wünschen sich, sie wären dabei gewesen.
Fazit und Ausblick
Bekanntlich hat sich der archaische Ligenfußball genau wie die Spiele von Nationalmannschaften vom Fußballsport zum Soccer Entertainment Business entwickelt. Wie die gesamte Unterhaltungsindustrie strebt diese Branche Umsatzwachstum und Gewinnoptimierung an. Zuschauende werden entweder als Konsumenten oder als Attraktivitätspersonal verstanden. Es gilt, immer neue Konsumentenkreise zu rekrutieren und das Soccer Business so zu verändern, dass auch Menschen in die Stadien kommen, denen das früher zu gefährlich war. Das Ausmerzen der Hooligans hat schon gut funktioniert, als nächstes sind die Ultras dran, die man durch ordnungspolitischen Druck zu domestizieren versucht. Ziel ist es, die Begegnungen im Fußball zum Erlebnis für die ganze Familie zu machen. Die Voraussetzungen dafür werden in Europa in beinahe allen Ländern geschaffen und dürften bis spätestens 2030 erfolgreich umgesetzt werden.
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