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Ingolstadt vs F95 0:1: Die Dominanz und die Flexibilität

Sagen wir so: Wer beim 1:0-Erfolg der glorreichen Fortuna in der ersten Pokalrunde von einer „mühsamen Angelegenheit“ oder gar einem „Arbeitssieg“ spricht, ist in Sachen Fußball nicht auf dem Stand der Technik. Denn Partien zweier Mannschaften mit einem Qualitätsunterschied wie dem zwischen F95 und Ingo laufen inzwischen fast immer so ab. Das kann man in jeder größeren Liga in Europa Woche für Woche sehen. Das liegt an den aktuellen taktischen Systemen. Die Audi-Städter traten realistisch betrachtet über ungefähr 55 Minuten mit zwei Fünferketten an und hofften darauf, dass einer ihren schnellen Stürmer mal zu einem Konter kommen könnte (was ja auch dreimal geschah). Und unser Team? Versuchte mit verschiedenen Mitteln Torchancen zu kreieren. So geht das heute eben.

Die entscheidende Phase der Partie spielte sich um die 55. Minute herum ab. Da rief der Ingolstädter Trainer einen Taktikwechsel aus, der so etwas wie ein Offensivspiel herbeiführen sollte. Nun stand unsere Viererkette supersicher, aber man spürte, dass intensivere Angriffsbemühungen der Hausherren doch auch Gefahr würden auslösen könnten – und das beim Stand von 0:0. Genau an dieser Stelle konnten wir bisweilen gebeutelten Fortuna-Fans mit Freude feststellen, was für einen guten Cheftrainer wir in Uwe Rösler haben und wie prima das Trainerteam zusammenarbeitet. Denn die Coaches riefen ebenfalls einen unscheinbare taktische Umstellung aus. Was vorher eher nach 4-3-2-1 als 4-3-3 aussah, wurde nun zum echten 3-4-3 mit Raute und flexiblem Spiel auf Außen im Mittelfeld – hochmodern das!

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Und auch schon ohne Personalwechsel das Mittel der Wahl, den Ingolstädtern einen Zahn zu ziehen. Die blieben nämlich nun im Mittelfeld hängen. Andererseits, das bei dieser Umstellung zwangsläufig, wurde die Art und Weise wie Brandon Borrello und Jean Zimmer ihre Außenstürmerrollen interpretierten, beinahe überflüssig. Da kam die Einwechslung von Thomas Pledl, dem so oft Unterschätzten, zum richtigen Zeitpunkt. Auch Borrello ebenfalls schon um die 60. Minute durch Kelvin Ofori zu ersetzen, wäre ebenfalls sinnvoll gewesen. Das Rezept wirkte, die Ingolstädter drehten wieder zurück, und die Fortuna übernahm wieder voll und ganz das Heft des Handelns.

Bisschen wenig Torchancen

Die verschiedenen F95-Experten beklagten den Mangel an Torchancen. Ja, kann man so sehen, wobei die Statistik immerhin 13 Torschüsse auswirft, was kein schlechter Wert ist. Leider sahen viele der 13 Versuche nicht besonders zwingend aus, vor allem die Fernschüsse nicht. Weil zudem Rouwen Hennings viel zu wenig serviert bekam, fiel die Zahl der Hundertprozenter gering aus – einer von denen resultierte aus einer akrobatischen Aktion vom guten Rouwen in der 49. Minute, die eine Bude verdient hätte. Dass es dann ausgerechnet der Ex-Ingo Pledl war, der einlochte, ist eine Schote wie man sie im Pokal liebt. Mann des Spiels im Hinblick auf den Erfolg ist aber ganz klar Jakub Piotrowski. Der kam zwar erst in der 79. Minute, riss das Ding aber sofort an sich und bereitete nach nur knapp zwei Minuten auf dem Gras das Tor mit einer perfekten Flanke von der Grundlinie aus vor.

Eine Aktion übrigens, die man vom eigentlichen Kreativkopf im Mittelfeld so nicht erwarten darf und sehen wird. Eddie Prib kooperierte aufs Feinste mit Marcel Sobottka, der wie immer etwas weiter zurück agierte, während Alfredo Morales den Eddie vor Störversuchen des Gegners abschirmte. Beide, Kuba und Eddie, so unterschiedlich die in jeder Hinsicht sind, traten an, als wären sie die geborenen F95-Spieler. Endgültig Alarm aber trat ein, als dann auch noch Ofori (78. Minute) und Ampomah (83. Minute) gemeinsam auf dem Platz standen bzw. liefen. Mag sein, dass die Ingolstädter schon einen Hauch müde waren, aber wie beide gleich mehrfach einfach so in den Sechzehner eindrangen, sah mehr nach Skislalom aus als nach Fußball. Und wir haben angeblich ein Offensivproblem? Na, weißte…

Wie stand die Abwehrreihe?

Werfen wir einen kurzen Blick auf die Abwehrreihe, die nicht besonders stark gefordert war. Käpt’n Bodze anstelle des vielversprechenden Jamil Siebert als IV aufzubieten, kann keine spieltaktischen Gründe gehabt haben, denn der lange Jamil ist in seinem zarten Alter schon ein belastbarer Abwehrrecke. Es muss viel eher darum gegangen sein, Adam als Kapitän auf dem Platz zu haben, und weil er eben auch einen robusten Innenverteidiger geben kann, stand er neben Andre Hoffmann. Der spielte wieder solide, aber einen Hauch uninspiriert. Wo Kaan Ayhan sich als Innenverteidiger recht oft in den Spielaufbau einmischte, da hält sich der Andre dann noch zurück. Apropos solide: Florian Hartherz spielt einen soliden AV, geht auch schon mal mit nach vorne, löst aber damit nicht viel aus. Nun hatte er aber mit Brandon Borrello einen schwierigen Partner, einen technisch hochbegabten Typ, der manchmal eine Idee zu viel hat und ohnehin macht, was er will – ein Zusammenspiel zwischen ihm und Florian fand eher nicht statt. Ganz anders auf der rechten Seite, wo Matthias Zimmermann und Jean Zimmer zusammenwirken wie zwei Geiger, die schon immer hintereinander im Orchester sitzen.

Die beste Nachricht zum Spiel ist allerdings auch, dass alle Neuverpflichtungen des neuen Sportvorstands Uwe Klein eingeschlagen haben. Was haben die Schwarzseher wieder bedenklich mit dem Kopf gewackelt und UK schon mal prophezeit, die Sache wäre eine Nummer zu groß für ihn. Was für ein Quatsch! Wer so lange hauptberuflich als Scout gearbeitet hat wie er, der muss den richtigen Blick entwickelt haben. Nicht zu vergessen: In Sachen Vertragsgestaltung haben wir mit dem Vorstandsvorsitzenden Thomas Röttgermann einen, der’s draufhat. Markus, gestern assoziiertes Mitglied in der Expertenrunde, die in der Retematäng tagte, meinte auch: Eigentlich brauchen wir keine weiteren neuen Spieler. Das sieht Ihr höchst ergebener Berichterstatter auch so.

Im Pokal weiter, in der Liga favorisiert

Jeder, der das Leben und Leiden der Diva schon ein bisschen länger verfolgt, wird auf die eine oder andere Weise durch vergangene Pokalspiele traumatisiert sein, vor allem diejenigen, bei denen irgendein Noname-Club die Fortuna in der ersten Runde rausgekickt hat – an dieser Stelle keine Namen, bitte. Insofern gehen erfahrene Fortunisti generell ohne Erwartungen in die erste Pokalrunde. Oder reden den Gegner stark. Nun ist Ingolstadt auf dem Papier ein starker Drittligist, dem nur schiedsrichterliche Maßnahmen den Aufstieg geklaut haben, aber aktuell durch Personalrotationen und Verletzungen doch arg gebeutelt.

Es zeigte sich auch, dass die Dominanz des zweifachen Pokalsiegers aus der schönsten Stadt am Rhein jederzeit mit Händen zu spüren war. Es ging nur um das entscheidende Tor. Ihr Ergebener warf in der 70. Minute die These in den Raum: Die Ingolstädter schießen heute kein Tor mehr. Und Angst vor einer Verlängerung hatte eigentlich auch niemand. Verweise auf das Gewürge im vergangenen Jahr in Villingen wurden vom Tisch gebürstet. Nein, der Einzug in die nächste Pokalrunde verlief souverän. Was auch schön ist, weil es immer noch der fortunistische Lebenstraum Ihres Ergebenen ist, seine geliebte Fortuna wenigstens einmal im Pokalfinale zu erleben. Kann ja werden dieses Mal.

Der ganze Auftritt gestern aber lässt auch auf das Treiben in der zweiten Liga mit Optimismus blicken. Die Sache sah sehr reif aus, trotz schiefer Vorbereitung sehen alle Akteure fit aus, in taktischer Hinsicht ist das Team schon ziemlich gut drauf, und der Kader bietet den Coaches unglaublich viele taktische Möglichkeiten. Die Voraussetzungen für das Mitspielen ganz oben sind da. Am besten fangen die Jungs einfach mal mit einem Auswärtssieg in Hamburg an.


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