Spiel für Spiel: Eine andere Sicht auf den Abstieg – Teil 1
Nein, es hat am Ende nicht nur ein Tor gegen Fürth gefehlt – es gab genug Spiele, in den Fortuna hätte Punkte holen können.
Analyse · Nach dem wir nun alle das wirkliche Ausmaß der Katastrophe namens Abstieg kennen und die Schuldfragen langsam abebben, ist es an der Zeit, sich den Weg in die Dritte Liga einmal genauer anzuschauen – nämlich von Spiel zu Spiel. Dann würde die Überschrift über dieser Saison aus der Hölle vielleicht sogar einfach „Verletzt!“ lauten. Denn abgesehen von den drei, vier Punkten, die wir auf Basis von Schiri-Fehlentscheidungen nicht ergattert haben, kann eine ganze Reihe von Niederlagen darauf zurückgeführt werden, dass viele und/oder wichtige Spieler nicht zur Verfügung standen. Übrigens der Grund dafür, dass nach Meinung des Ergebenen auch zur kommenden Drittligasaison die Frage nach Trainingsmethoden, Athletikmaßnahmen sowie medizinischer Betreuung und Beratung in Sachen Lebensführung dringend zu stellen ist. [rt_reading_time label=\"Lesezeit ca.\" postfix=\"min\" postfix_singular=\"min\"]
Hier eine Analyse einzelner, für die Entwicklung bedeutender Partien:
Spieltag: Bielefeld vs Fortuna 5:1
F95 führte in der 35. Minute nach einer feinen Kooperation von Rasmussen und Itten. Und zwar verdient. Die Bielefelder hatten es mit 1:1-Pressing versucht, aber nach 20 Minuten hatten sich unsere Jungs gut darauf eingestellt und den Hausherren diesen Zahn erstmal gezogen. Dann begann das Tun des Patrick Alt, dem Irren mit der Pfeife. Der hatte schon zuvor recht wahllos, aber ohne schlimme Auswirkungen entschieden und unter anderem gelbe Karten gegen die Bielefelder nach dem Zufallsprinzip verteilt.

In der 39. kriegt Tim Oberdorf dann auch eine, die man geben konnte. In der 44. Minute verliert er den Ball an der Außenlinie und weiß sich nicht anders zu helfen, als am Gegner zu zupfen. Der Irre zückt Gelb und dann Rot. Der Kicker sprach von einer Entscheidung im Graubereich, gab dem Referee aber die außergewöhnlich schlechte Note 4,5. Auch wenn es nichts mit dem Platzverweise zu tun hat: Nur eine Minute später macht der DSC mit mehrfachem Glück (Ausrutscher Zimmermann, ungewollter Tunnel per Knie) den Ausgleich.
Das nächste Unglück in der 53. Minute: Sotiris wirft sich im Strafraum in einen Schuss. Von seinem Oberschenkel prallt die Pille an seinen rechten Oberarm. Patrick Alt zeigt sofort auf den Punkt. Das Problem liegt im Wörtchen „sofort“. Bis vor wenigen Jahren galt, dass ein solcher Self-reflected-ball kein absichtliches Handspiel darstellt. Inzwischen wird auch in dieser Situation die Frage gestellt: unnatürliche Körperhaltung? So klar war das nicht, also hätten die VARisten auf den Irren einwirken können oder aber der Pfeifenmann hätte sich die TV-Bilder angucken können. Nein, es handelte sich nicht um eine Fehlentscheidung, aber viel Pech war dabei. Der Elfer sitzt, die Bielefelder führen.
Bis zur 73. Minute stehen unsere Jungs sicher, bringen aber offensiv wenig bis nichts zustande. Das 3:1 ist dann Folge defensiver Konfusion; niemand deckt nach einem Eckstoß die lange Ecke. Aber der Torschütze hat auch Glück, weil das Ding nur dank Pfosten reingeht. Die Fortuna bricht aber immer noch nicht zusammen, sondern hat in der Folge zwei dicke Chancen. Selbst nach dem 4:1 kurz nach dem 3:1 – ebenfalls nach einer Ecke. Dass sie mit einem Mann weniger auf der Wiese stehen, merkt man kaum, aber ein Unentschieden war nach dem 4:1 realistische nicht mehr drin. Das 5:1 beschließt dieses unglückliche Spiel.
Gesamturteil: Unglücklich verloren.
Spieltag: Fortuna vs Hanoi 0:2
Diese Partie ist deshalb so entscheidend, weil sich schon hier die gewaltigen Mentalitätsprobleme zeigten, die während der Saison immer und wieder auftraten. Okay, Hannover 96 war in diesem Spiel durchgehend die bessere Mannschaft, aber nie so überlegen, dass mit mehr Kampf und Leidenschaft eine Niederlage hätte abgewehrt werden können. Das Problem war offensichtlich Trainer Thioune mit seiner emotionsarmen Art, das Team während das Spiel vorwärtszutreiben.
Es zeigte sich aber auch erstmals, dass die durch Sportvorstand Klaus Allofs und Sportdirektor Chris Weber betriebene Kaderplanung – sagen wir so: – unglücklich war. Thioune ließ mit Viererkette spielen, aber für den Posten des linken AV stand – auch dank der Verletztenliste und mangels Alternativen – nur Mo Heyer zur Verfügung stand. Zwar tat damals noch Jamil Siebert mit, der später für gutes Geld verkauft wurde, aber auch auf der Sechs davor gab es neben El Azzouzi zu der Zeit nur Gio Haag, der damals schon mit Heimweh kämpfte und uns wenig später verließ.
Gesamturteil: Erschreckend leidenschaftslos
Spieltag: Münster vs Fortuna 1:2
Ohne Käpt’n Kastenmeier hätten wir das Ding gegen den späteren Mitabsteiger Münster nicht gewonnen. Zum ersten Mal zeigte sich das deprimierende Verhalten der Mannschaft unter Daniel Thioune in voller Hässlichkeit.
Vorher hatte Muslija fast allein für einen Sieg in Paderborn gesorgt. Das Team drumrum schwankte zwischen solide und verwirrt. Es folgte ein 0:0 auf Augenhöhe gegen den KSC mit einer guten Leistung der Fortunen.
Gesamturteil: Ordentliche Leistungen
Spieltag: Fortuna vs Darmstadt 0:3
Es war das erste ganz große Fehlerfestival der Truppe. Die Pässe gingen ins Leere, aber nicht, weil sie’s nicht konnten, sondern weil sie Schiss hatten, Fehler zu machen – fast die ganze zweite Halbzeit kickten sie so, dass jeder am Schluss hätte sagen können: Ich konnte nix dafür. Ganze SIEBEN Minuten lang setzten die Hausherren die Lilien unter Druck! Übrigens mit Herrn Celar auf dem Platz, der sogar mal aufs Tor schoss.

Es war das erste so richtig deprimierende Heimspiel: Hinten unaufmerksam, vorne harmlos, Leidenschaft gleich null. Auch wenn die Fortuna danach immer noch auf Platz 13 stand, konnte man anfangen, sich Sorgen zu machen. Nicht wegen der individuellen Leistungen, sondern wegen diesem Phänomen, das man „Mentalität“ nennt. Hinzu kam schon zu diesem Zeitpunkt ein geradezu lächerlicher Mangel an Kommunikation während der Spiels. Was übrigens auch daran lag, dass einige Neue kein Deutsch und unzureichend Englisch konnten.
Außerdem zeichnet sich die Verletztenmisere deutlich ab: Bei keinem Ligaspiel waren weniger als FÜNF Fortunen verletzt, bis zum 6. Spieltag waren es dann sogar schon acht. Glück für Thioune, dass es nicht durchweg geplante Stammspieler traf, sodass diese Thema nach dem 6. Spieltag noch nicht sonderlich intensiv diskutiert wurde.
Gesamturteil: Schwierig wegen der Verletztenliste; ängstlich
Spieltag: Bochum vs Fortuna 0:1
Mit dem Sieg in Grönemeyerhausen schien die Fortuna auf dem Weg nach oben. Nicht so sehr wegen der drei Auswärtspunkte, denn gut haben die Jungs nicht wirklich gespielt. Aber wegen des Wollens und dem Kampf. Da sah es plötzlich nicht nach Mentalitätsproblemen aus. In der 4. Minute flankt Muslija, Itten verlängert per Kopf auf den völlig ungedeckten Oberdorf und – zack! Um ein Haar wär’s abseits gewesen … Egal. Am Ende stehen 23:7 Torschüsse für die Hausherren in der Statistik, aber nur ein xGoals-Wert von 1,31 (F95: 1,45). Unsere sind deutlich mehr gerannt, haben aber mit 77% eine miserable Passquote, die sie mit einem besseren Zweikampfwert ausgleichen konnten. Das sah alles wirklich ermutigend aus.
Gesamturteil: ermutigend
Spieltag: Fortuna vs Nürnberg 2:3
Wilde Sache das. Vielleicht das letzte „normale“ Spiel der Saison, also keines, bei dem die F95-Herren richtig scheiße gespielt haben oder hasenfüßig oder beides. Aber es zeigt sich ein Effekt, der danach noch sehr oft zu beobachten ist: Sie kriegen nur eine vernünftige Halbzeit hin. Inzwischen hat sich angesichts seines mangelnden Temperaments und seiner ewiggleichen Sprüche eine Thioune-Hater-Fraktion gebildet, die ihm alles Negative anlastet. Von der verfehlten Kaderpolitik ist noch selten die Rede. Verrückt: Dass der Coach den Mumm hat, zum Schluss gleich FÜNF Stürmer auf dem Platz zu haben, wird nicht gewürdigt. Leider haben die Glubberer das Glück, die letzte Bude zu machen. Für uns ein Satz mit X …
Gesamturteil: zu wenig Temperament, zu viele Verletzte
Spieltag: Fortuna vs Braunschweig 1:2
Die Ausgangslage vor dieser Begegnung: Fortuna steht auf Platz 13 mit 10 Punkten, und hätte es nicht diese blöde Klatsche in Bielefeld gegeben, wäre die Tordifferenz auch nicht bedrohlich. Aber es sind nicht einmal die 15 Gegentore, die Angst machen, sondern, dass die Truppe bis dahin nur 8 eigene Buden gemacht hat. Das Fanvolk murrt vor allem, weil viele spüren, dass in diesem Kader wenig zusammenpasst und dass zu oft zu hasenfüßig agiert wird. Dass wegen der vielen Verletzungen keine Stammmannschaft entstehen konnte und bisher in jedem Spiel eine andere Formation auf der Wiese stand, wird oft übersehen.
Natürlich fordern die üblichen Tastatur-Warrior den Rausschmiss von Daniel Thioune, sein Rückhalt bei den Fans ist aber vor allem deswegen nicht groß, weil man bei ihm das sichtbare Engagement vermisst, das Temperament, die Leidenschaft. Dass ihn Sportvorstand Klaus Allofs aber nach der Niederlage gegen den Club entlässt, verwunderte aber schon. Noch mehr verwunderte aber die Entscheidung, ausgerechnet Markus Anfang als neuen Chefcoach zu installieren.

Die Ausgangslage vorm Anpfiff gegen den BTSV: Mit einem Sieg könnte die Fortuna sogar an der Hertha vorbeiziehen und Tabellenachter werden. Aber: Nun schon sechs Verletzte plus zwei Kollegen (Egouli und Affo), die zur abstiegsbedrohten Zwoten abgestellt werden. Wer gedacht hätte, Neutrainer Anfang würde sofort was ändern, sah sich getäuscht: In der ersten Halbzeit spielte das Team genauso schlecht wie gegen Darmstadt und Nürnberg – wenn auch mit einem komischen 4-1-4-1, das dem Knipser Itten die Unterstützung entzieht, die er zum Toreschießen braucht. Dass Anfang dann Danny Schmidt für Cedi auf den Rasen schickt, hinterlässt Fragezeichen.
Und dann verschuldet Käpt’n Kastenmeier in seinem schlechtesten Spiel der Saison auch noch das 0:1. Die Zuschauenden, die es mit F95 halten, waren nur noch deprimiert. Was auch immer in sie gefahren ist: Ab der 62. Minute geben die Fortunen Vollgas. Allen voran Rasmussen. Es kommt zur echten Torschüssen, aber selbst 7 Minuten Nachspielzeit verhelfen nicht zum Ausgleich.
Gesamturteil: völlig verunsichert
Bis hierhin:
Auch wenn es noch recht früh in der Saison ist: Wer realistisch auf die Tabelle und vor allem auf die Leistungen sowie die Verletztenliste schaut, muss einsehen, dass die Fortuna gegen den Abstieg spielt. Mit einem Aufstieg wird sie unter keinen Umständen was zu tun haben. Den haben Sportvorstand Allofs und später auch Trainer Thioune zu Beginn noch öffentlich als Ziel beschrieben. Aber schon nach dem 9. Spieltag zeigt sich in aller Deutlichkeit, dass die Kaderpolitik voll in die Hose gegangen ist. Nicht nur wegen der oft verletzten Neuzugänge, sondern vor allem, weil nicht mal ansatzweise ein Team, eine Gemeinschaft entstanden ist. Dass Allofs als Konsequenz Thioune entlassen hat, kann in der Rückschau nur als Versuch, den eigenen Arsch zu decken, interpretiert werden.
Teil 2 (Spieltag 10 bis 20) dieser Rückschau folgt in Kürze. Bis dahin empfehle ich ausdrücklich die Lektüre dieses Artikels auf Spox, der eine gute Zusammenfassung der Dinge liefert.
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Es ist wichtig und richtig eine Analyse zu betreiben, die in Zukunft derartig vernichtende Fehler vermeiden hilft. Der Blick muss, mit Blick auf den nicht allzu weiten Saisonstart, schnellstens auf die Zukunft gerichtet und intensiv daran gearbeitet werden. Da bin ich sehr interessiert und gespannt auf die Meinung des Ergebenen.