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Fortuna-Punkte 16/17: Das mit den Fahnen…

Immer wenn ich viele große Fahnen sehen, denke ich: Reichsparteitag. Nicht dass ich dieses Wort fehlerfrei aussprechen könnte, aber bei uns in England weiß jeder, was gemeint ist, wenn einer (Achtung! Phonetik!) „Rykspartituck“ ruft. Genau: Viele große Fahnen. Denn auch im Brit-TV läuft die Nazi-Zeit immer wieder rauf und runter. Ne ganze Menge meiner Lads finden das auch ziemlich, sagen wir: grandios. Es sind dieselben, die bei WM und EM immer in riesige weiße Betttücher mit dem St.George’s Cross in rot gehüllt rumlaufen. Sie halten sich für Patrioten, sind aber leider meistens dumpfe Nationalisten. Flagge zeigen ist in England eher was für Nationalisten als für Patrioten, weil Patrioten ja eher für das Vereinigte Königreich, also Großbritannien samt Queen und allen Teilen stehen. Patrioten zeigen also den Union Jack. Das dürfte aus deutscher Sicht einigermaßen kompliziert sein. Ich dachte daran, als ich am Montag beim Heimspiel gegen Braunschweig (wir sagen: Brunswick) den gewaltigen Fahnenwald im Ultras-Block sah.

Fahnenpark
Weil: Obwohl es viele großen Fahnen waren, sah es nicht aus wie Reichsparteitag. Woran liegt das? Ist doch klar: Keine patriotischen Symbole, keine nationalistischen Flaggen. Im Gegenteil – viel Kreatives, Buntes, Fröhliches und Interessantes auf Tuch. Wenn mir eines an der ganzen merkwürdigen Ultrasache in Deutschland gefällt, dann sind es die Fahnen. Ingo, mein Nachbar aus Block 1, der sich auskennt, sagte: Gab’s schon vorher. Und zeigte mir Dutzende Fotos aus den Seventies, Eighties und Nineties, auf denen in deutschen Stadien riesige Laken geschwenkt wurden. Ingo behauptete sogar, die Deutschen hätten das mit den Fahnen erfunden. So sollen schon beim Endspiel 1954 in Bern viele Schwarzrotgold-Fähnchen auf den Tribünen zu sehen gewesen sein. Ganz doll war es dann vier Jahre später in Schweden, wo bei jedem Spiel der Heimmannschaft Männer mit gewaltigen Blaugelb-Flaggen auf der Laufbahn rumrannten und schwenkten wie die Doofen. Dazu Tausende passende Fähnchen im Publikum.

Alles Reichsparteitag, oder was?

Frank, unser Lieblingsozialist im Block, meinte dazu: Der DFB bezieht sich aber mit seinem Fahnenwahn mehr auf Reichsparteitag, als auf Endspiele. Tatsächlich hat der deutsche Fußballverband ja nebenberufliche Fahnenschwenker, die bei jedem Heimspiel der DFB-Auswahl auf dem Rasen und hinter den Toren wedeln. Und zwar mehr so majestätisch. Damit soll das Ereignis Nationalmannschaftsspiel heroisch aufgeladen werden, meinte Frank. Und schwupps sind wir beim Reichsparteitag. Ganz anders die Schwenkereien der diversen Ultras drüben in den Blöcken 38 und 39 – das sieht lebendig aus, eher fröhlich. Das hat nix Heroisches oder Majestätisches. Und das ist gut so.

Fahnenmeer
Am Montag waren ja sogar wieder zwei Fähnchenschwenker auf dem Platz. An den Außenlinien… Kleiner Scherz. Wobei die Wedelei des Fortunahassers Foltyn uns ja den Sieg gekostet hat. Außerdem gibt es noch die vier Eckfahnen. Damit gehören offiziell sechs Fahnen zum Spiel. Ich hab ein paar Mal versucht, die Fahnen bei den Ultras zu zählen. Hat nicht geklappt. Ingo meinte, seines Wissen wären es alles zusamen fast Hundert – also die großen Schwenkfahnen plus diese verschiedenen einfarbigen und gestreiften Fähnchen. Jede große Schwenkfahne gehört übrigens zu einem Fanclub oder einer Gruppierung innerhalb der Ultras, erklärte Ingo. Und dass diese Flagge heilig ist. Das haben sich die Ultras von den Italienern abgeguckt.

Heilige Fahnen

Womit wie wieder beim Reichsparteitag sind. Da gab’s ja auch für jedes Clübchen eine eigene Fahne, die war heilig. Und sowas wie den Fahnenschwur. Bei den Ultras gilt angeblich das Gesetz, dass sich eine Gruppe aufzulösen hat, wenn ihre Fahne verloren geht – dann wäre eben die Ehre weg. Das werden die meisten Youngster nicht wissen, sagte Frank, dass das typisch fürs mittelalterliche Italien ist. Da hatte jedes Stadtviertel sein Standarte (Neues Wort gelernt!), die heilig war. Raubten die Burschen vom nächsten Block diese Fahne, war die Ehre futsch, und die Männer des Viertels konnten nur noch auswandern. Von da hat es Hitler übernommen, fügte Frank hinzu.

Ist also nicht so einfach mit den Fahnen. War es bei uns bei Leeds United auch nicht. Hier fingen die Nationalisten in den Seventies damit an. Du wirst auf vielen solcher England-Fahnen der verschiedenen Teams das Gründungsjahr finden – das liegt meistens zwischen 1972 und 1986. Das war die Hochzeit der Ultranationalisten, also unserer Nazis. Und die haben sich damals vor allem beim Soccer breitgemacht mit ihrem „White Power“-Scheiß und dem ganzen Rassistendreck. Heute gelten diese Banner als Traditionsfahnen, und keiner fragt mehr, wo die herkommen.


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