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Liverpool FC vs BVB 4:3 – oder: den modernen Fußball richtig verstehen

Die Viertelfinalpartie im kleinen Europapokal gestern hat prima gezeigt, dass der moderne Fußball nur zu verstehen ist, wenn man die vielen Ebenen auseinanderfieselt. Die Begegnung war vor allem eines: Ein fantastisches, hochklassigen, faires und spannendes Fußballspiel. Das ist die sportliche Seite. Wenn man diese wahnwitzige Tempo, diese Pass- und Ballsicherheit gesehen oder beobachtet hat, wie moderne Spitzenkicker schon nach der Anspielstation ausschauen, bevor der Ball überhaupt bei ihnen angekommen ist, dann konnte einem als Freund des getretenen Rundballs nur das Herz aufgehen. Dazu dann diese Power, dieser Wille, diese Durchsetzungskraft, eine geradezu irrsinnige mentale Stärke. Es war vermutlich eines der besten Vereinsfußballspiele der letzten zehn, zwölf Jahre. Und eben nicht nur, weil es spannend bis zum Schluss war. Aber da kommen wir schon zur zweiten Ebene: der medialen Banalität.

Nun ist Markus Höhner von Sport 1 sicher ein fachkundiger Mann, der vermutlich ebenfalls den Fußball liebt. Aber er muss dem Sender mit dem nächtlichen Schmuddelprogramm ja die Sprechpuppe machen. Denn Fußball im Fernsehen ist Business, nichts als Business. Die Privatversender versenden Fußballspiele seit den unseligen Tagen vom RTL-Anpfiff lediglich und ausschließlich als attraktives Werbeumfeld. Deutlicher gesagt: Soccer im TV bringt massig Kohle, weil viele zuschauen. Also ist das Ziel der Sender, besonders natürlich der Schmuddelnischensender, die ja sonst nicht viel Reklameumfeld zu bieten haben, möglichst viele Flachhirne vor die Flachbildschirme zu locken und dort zu halten, weil sie dann mehr Spots kriegen, also mehr Kohle. Also bauen die Marketingstrategen dieser Glotzbeschicker um jeden Soccer-Event eine Inszenierung, und in der spielen die Ansager wie Höhner eine wichtige Rolle.

Falsche Emotionen
Bei der Partie, um dies hier geht, waren sich die Dramaturgen nicht ganz einig und haben gleich mehrere Linien der Inszenierung verfolgt; eine davon das Verhältnis der Trainer Tuchel und Klopp. Also musste Höhner ein ums andere Mal darauf verweisen, dass im Stadion an der Anfiled Road die Mannschaftsbänke superdicht beieinander angebracht sind und sich die Coaches eine gemeinsame Coaching-Zone teilen müssen. Zigfach wurde erwähnt, dass die beiden ja schon seit Meenzer Zeiten etwas verbindet. Und ein paar Mal ließ die Sprechpuppe die Meme „Klopp vs Tuchel“ fallen. Das ist so banal, dass man nicht vor lauter Gefühl eine Gänsehaut kriegt, sondern vor Ekel.

Die wahren, echten Emotionen aber, die hat der Höhner nicht verstanden. Wie auch? Die Kommentatoren, selbst die guten (von den unerträglichen Typen à la Rethy & Konsorten im ÖR ganz zu schweigen) haben ja allesamt nicht mal einen kleinen Zehennagel in irgendeiner Fanszene, wissen also überhaupt nicht, was die Anhänger der Vereine bewegt. Was der Kommentator angesichts der beeindruckenden Schweigeminute zum Gedenken der Toten des Hillsgorough-Desasters vom 15.04.1989 von sich gab, war falsch und unwürdig. Die Rolle des Songs „You’ll Never Walk Alone“ scheint nicht einer dieser Statistikvorleser auch nur annähernd zu kennen. Statt dessen wird behauptet, das Lied sei beiden Fanszenen, der Liverpooler und der Dortmunder, zu eigen.

Fußball ohne Fans
Das Klagelied über die Blödheit des Fernsehens in Sachen Fußball lässt sich endlos singen. Zumal es vor allem die Komplexe Pay-TV und Privatfernsehen sind, die den Fußball in Europa massiv verändert haben – aus den oben genannten Gründen. Die Älteren werden sich erinner: Früher spielte man den Europapokal der Landesmeister und den der Pokalsieger aus, nebenbei gab es noch den halboffiziellen Messepokal. Ziel der Übungen war es, den besten Fußballklub Europas zu ermitteln, und zwar unter sportlichen Gesichtspunkten und nach den Gesetzen des Pokals. Beim Europapokal der Landesmeister gab es nur K.O.-Runden, keine bescheuerte Vorrunde. Und weil die Begegnungen ohne jede Setzliste ausgelost wurden, konnte es passieren, dass eine starke Mannschaft gleich in der ersten Runde gegen einen Mitfavoriten dran musste. Im Gegenzug war es auch vermeintlichen Außenseitern möglich, sehr weit zu kommen im Wettbewerb. Der Zufall des Losens war entscheidend.

Es ist klar, weshalb dieses Verfahren abgeschafft wurde. Erstens, weil es einfach zu wenig Spiele ergab. Und zweitens, weil es so ja vorkommen konnte, dass überhaupt kein „Duell der Giganten“ entstand, dass Millionen vor die Bildröhren lockte. Heute spielt die sportliche Frage nach der besseren Mannschaft kaum noch eine Rolle. Es geht darum, möglichst viele Spiele in der Champions- und der UEFA-League zu haben und ab er K.O.-Phase nur noch welche, die man medial inszenieren kann. Mit den Wünschen der Fans hat das alles nichts mehr zu tun. Leider sind inzwischen ganze Fan-Generation so gehirngewaschen, dass sie sich den Quatsch mit vollem Ernst angucken, weil es da ja – so heißt es immer – tollen Fußball zu sehen gibt. Was ja nicht immer stimmt. Geschätzte 90 Prozent der Partien in den internationalen Wettbewerben finden auf mittlerem Niveau statt oder sind strunzschlecht.

Völlig absurd die gern auch von den Medien verbreitete Haltung, man müsse in den europäischen Wettbewerben für die deutschen Mannschaften sein. Man fragt sich zuerst, was denn an Team wie dem des FCB „deutsch“ ist und weshalb man für einen Verein sein soll, den man ansonsten völlig scheiße findet. Äußert man das, wird einem die UEFA-5-Jahres-Regel entgegengehalten, und man fragt sich nun, warum man sich freuen soll, wenn noch mehr deutsche Clubs an den Wettbewerben teilnehmen dürfen.

Das Besondere am Rückspiel zwischen Liverpool FC und Borussia Dortmund war, dass sich im Stadion an der Anfield Road echte Fans begegneten. Auch wenn dieses legendäre Stadion keine Stehtribüne („The Kop“) für 30.000 Zuschauer mehr hat und man auch in Liverpool alle vorgeschlagenen Änderungen aus dem Taylor-Report übernehmen hat und die Eintritsspreise exorbitanz hoch sind: Liverpudlians sind Liverpudlians geblieben. Sie tun, was englischen Fans tun: Singen. Man nennt es auch Oldschool-Support, und als in der Ecke des Stadion nach einem der Tore roter Qualm zwischen Supportern aufstieg, also etwas, was der italienischen Ultras-Kultur zuzurechnen ist, wurde deutlich: Man hat sie nicht gezähmt.

Aber an dieser massiven emotionalen Unterstützung, die möglicherweise der entscheidende Erfolgsfaktor in der Partie war, lässt sich auch ablesen, wie die mediale mit der Fan-Ebene verzahnt sind: Die starken Gefühle der Fans und die Art und Intensität, in der sie diese äußern, sind eine wichtige Folie für die mediale Inszenierung. Man kann es Woche für Woche erleben: Einer Begegnung zwischen Ingolstadt und Hoffenheim kann man keine künstliche Emotion einimpfen, weil die Basis dafür fehlt. Inzwischen beschweren sich ja Zuschauer von Bezahlsendern schon, wenn der Support bei einem übertragenen Spiel nicht laut genug war. Die Anfeuerung ist unverzichtbarer Bestandteil des Gesamkunstwerks „Fußball im TV“.

Sozialer Zusammenhalt durch echte Emotionen
Warum aber hat es ausgerechnet beim Liverpooler FC geklappt mit dem Überleben der Fankultur? Weil es ein großes gemeinsames Erlebnis gibt. Am 15.04.1989 starben 95 Fans des FC im Hillsborough-Stadion in Sheffield. Das hat die ganze Stadt bis ins Mark erschüttert und Identität gestiftet, die weit über die engeren Kreise der damals ziemlich wilden Fanszene hinausreichte. Fans anderer Vereine, die gelegentlich oder immer YNWA singen und diese Geschichte nicht kennen oder begreifen, sollten sich was schämen.

Das gemeinsame Erleben, die kollektive Erinnerung sind der Kitt jeder Fanszene. Zum Glück sind es nur wenige Clubs, bei denen es Katastrophen waren, die diesen Kleber bildern – Manchester United ist ein anderer Verein. Beim Munich Air Disaster im Jahr 1958 kam eine komplette Mannschaft bei einem Flugzeugabsturz ums Leben, ein Ereignis, das den Verein lange prägte. Weil aber bei ManUnited in Folge des Taylor-Reports mehrere Generationen Fans systematisch aus dem Stadion vertrieben wurden, trägt die Erinnerung heute kaum noch.

Der soziale Zusammenhalt der Fans ist eine der ehemals wichtigsten Ebenen, die heute immer mehr an Bedeutung verliert, weil sie dem Soccer-Entertainment-Business im Weg steht. Dass der BVB dieses Spiel noch verlor, wird Ausgangspunkt für Legenden werden, also ein weiteres emotionaes Element, das den BVB-Fans Identität verleiht. Vielleicht nicht in dem Maße, wie es vor wenigen Jahren der „Skandal“ rund um das Relegationsrückspiel gegen die Hertha unter den Fortuna-Fans tat. Stehen Fans zusammen, kommt das Gespräch unweigerlich auf das Thema „Weißt du noch?“ Dabei geht es fast nie um im TV gesehene Partien, sondern Spiele, bei denen man live dabei war. Eine Reihe von Partien bilden das Gerüst, sie haben einen Namen – in Düsseldorf ist es z.B. das Endspiel im Europapokal der Pokalsieger, das einfach nur „Basel“ heißt. Oder die Begegnung bei Germania Teveren in der Oberliga seinerzeit – man muss nur „Teveren“ sagen, und alle wissen Bescheid.

Die Ebenen
Ja, Fußball hat immer noch eine sportliche Ebene. Und zum Glück spielte die bei der Begegnung Liverpool vs Dortmund eine große Rolle. Für echte Fans ist diese Ebene aber mindestens zweitrangig, weil für sie die historisch-emotionale Ebene meist den Kern ihres Fußballerlebens bildet. Eng miteinander verknüpft sind die Business- und die Medienebene; sie haben den Fußball im Europa der vergangenen 35 Jahre am meisten verändert und tun das noch immer.

Wer gegen den modernen Fußball ist, tut gut daran, immer mal wieder aus dem eigenen Zorn über diese Entwicklung hinauszutreten und sich die Ebenen im Einzelnen anzuschauen. Dann wird deutlich, was jeder echte Fans des wahren Fußballs tun und lassen kann, um die fortschreitende Veränderung zumindest zu verlangsamen.

[Foto: „The Kop, 1983“ via Wikimedia]


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