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Regensburg vs F95 0:1 – „Fußball kann so schrecklich sein“…

…hauchte der Ergebene um die 60. Minute herum im Kreise der Expertenrunde in der Retematäng angesichts der Rumpelei in Regensburg.

Bericht · Denn die Begegnung der im Prinzip glorreichen Fortuna gegen den traditionsreichen Jahn war ein schreckliches Fußballspiel. Nun hat der inzwischen schwer erträgliche Dieter Nuhr, ein bekennender F95-Anhänger, einst den wahren Spruch geprägt: „Wer Fortuna-Fan ist, braucht das Leben nicht zu fürchten„. Es zeigt sich aber in dieser Saison, dass das Leben auch nicht viel schrecklicher ist als so manche Partie mit Beteiligung der Rotweißen. [Lesezeit ca. 7 min]

Da erinnert sich euer Ergebener schnell an Manni Breuckmann, der einst den Satz ins Kommentatorenmikro sprach: „Holt die Antidepressiva raus, Fortuna spielt„. Das, was wir armen F95-Fan-Seelen also gestern sahen, hat eine lange Tradition. Macht es nicht besser. Und immer wieder träumen Fortuna-Anhänger:innen von einer spielerisch auftrumpfenden, ideenreichen, schnellen und begeisternden Mannschaft … wie es sie in den letzten 127 Jahren ein paar Mal gab.

Na, schon gespannt auf den Spielbericht? Nach einer kurzen Werbeunterbrechung geht’s weiter. Denn die Fortuna-Punkte verstecken sich nicht hinter einer Paywall. Alles, was du hier findest, ist gratis, also frei wie Freibier. Wenn dir aber gefällt, was du liest, dann kannst du uns finanziell unterstützen – zum Beispiel mit dem Kauf von Lesepunkten. Wir würden uns sehr freuen.

Was die Herren in der schwarzroten Tarnkleidung gestern ins Jahnstadion brachten, war ja nicht einmal durch und durch schlecht. Es war einfach langweilig und stellenweise deprimierend. Und bevor es jetzt jemand tut: Immer, wenn wer das Wort „Grottenkick“ sagt oder schreibt, muss irgendwo auf der Welt eine arme, kleine Babykatze sterben. Halten wir uns also fern vom Phrasenschwein und versuchen wir, die Sache halbwegs nüchtern zu betrachten.

Regensburg vs F95; Anstoß vor rund 10.000 Zuschauenden (Screenshot Sky)
Regensburg vs F95; Anstoß vor rund 10.000 Zuschauenden (Screenshot Sky)

Da hilft die Statistik immer. Zur Halbzeit hatte F95 um die 65 Prozent Ballbesitz, eine Passquote jenseits der 80er-Marke und ein leichtes Übergewicht bei den Zweikämpfen. Dafür konnte der SSV Jahn Regensburg doppelt so viele Torschüsse (im Sinne der Statistik) verzeichnen und mehr Kilometer. Am Ende sah es dann (auf bundesliga.com) so aus: 10:15 Torschüsse mit 0,42 : 1,66 xGoals, 46:54 Prozent Ballbesitz und 70:82 Prozent Passquote – links vom Doppelpunkt jeweils die Werte der Gastgeber, die stark nach Abstieg riechen.

Regensburg vs F95; Zwei Mann frei vor Kastenmeier (Screenshot Sky)
Regensburg vs F95; Zwei Mann frei vor Kastenmeier (Screenshot Sky)

Das Verrückte daran: Die Zahlen widersprechen dem kollektiven Eindruck, den die üblichen Verdächtigen in der Retematäng hatten und auch äußerten … siehe oben. Und der ergebene Beobachter, der sich die ganze Chose zuhause noch einmal in Ausschnitten ansah, musste einsehen, dass es in vieler Hinsicht KEIN schlechtes Spiel der Rotweißen war. So muss man u.a. objektiv eingestehen, dass der körperliche Einsatz und die läuferische Leistung bei allen Akteuren stimmte. So muss man auch zugeben, dass die Thioune-Buben eine Handvoll prächtiger Spielzüge zelebrierten, die nach Aufsteiger rochen; aber eben nur eine Handvoll.

Finde den Fehler: Menschen machen Fehler. Schreiber:innen sind Menschen, machen also Fehler. Und Schreiber ohne großes Team hinter sich – wie der Ergebene – machen natürlich auch Fehler. Deshalb unsere Bitte an alle: Wer einen Fehler im Text entdeckt, meldet ihn uns auf einem der bekannten Wege – z.B. per Mail an kontakt@fortuna-punkte.de oder über das Kontaktformular. Wir versprechen, falls wirklich etwas Falsches im Beitrag stand, bedanken wir uns nicht nur, sondern korrigieren es umgehend. Schönen Dank im Voraus!

Da liegt das Häschen im Gewürz: Viel zu selten – und das gilt nun schon seit Monaten – zeigt das Team, wozu es auf Basis der individuellen Fähigkeiten in der Lage wäre. Fortuna 2022/23 hat mehr talentierte Spieler im Kader als beispielsweise die Aufstiegstruppe von 2018, behauptet euer meinungsfreudiger Ergebener einfach mal. Womit wir zur Trainerfrage kommen. Ist es nicht Kernaufgabe eines Chefcoaches, aus den zur Verfügung stehenden Talenten und Fähigkeiten der Kicker das Beste zu machen? So wie es auch sein Job ist, jeden einzelnen Kaderinsassen besser zu machen. Könnte es sein, dass wir bei Daniel Thioune Osnabrück und HSV reloaded serviert bekommen? Dass er eine Mannschaft bis zu einem bestimmten Punkt bringen kann, aber nicht darüber hinaus? Das wäre für alle Beteiligten ausgesprochen tragisch.

Regensburg vs F95; Trainer Thioune ein bisschen missmutig (Screenshot Sky)
Regensburg vs F95; Trainer Thioune ein bisschen missmutig (Screenshot Sky)

Ein bisschen mutig waren Thioune & Co. schon bei der Aufstellung. Ausgedrückt durch die Berufung von Kristoffer „Kris“ Peterson in die Startelf. Offensichtlich hatten es die Coaches aber versäumt, ihm zu sagen, was und wo er spielen sollte. Oder er hat nicht zugehört. Oder er hat es nicht verstanden. Oder es war ihm egal. Kris ist einer der feinsten Kerle im Kader, was es so furchtbar traurig macht, dass er immer wieder dermaßen neben der Spur kickt wie gestern. Man sieht ihm das Bemühen jederzeit an, aber wenn er sich entscheiden muss, entscheidet er viel zu oft falsch. Liebe Trainer, ihr tragt Verantwortung, lasst es nicht zu, dass sich jemand so blamiert!

Entweder die Anordnung der Offensive war auf hochmoderne Art flexibel, oder es herrschte vorne einfach nur Anarchie. Nominell sollte ja Emma Iyoha zweite Spitze neben Dawid Kownacki spielen, dazu Peterson auf rechts und Shinta Appelkamp irgendwie links. Tatsächlich aber sah man Emma häufiger auf dem Flügel, Shinta auf der Acht und Kris… irgendwo. Ein Zusammenspiel auf der rechten Schiene zwischen Zimbo Zimmermann und Peterson fand nicht statt: null, niente, nada. Erst als es Iyoha manchmal dorthin zog, kam ein wenig Stimmung auf diese Seite.

Regensburg vs F95; Das war eine 100-Prozent-Chance (Screenshot Sky)[
Regensburg vs F95; Das war eine 100-Prozent-Chance (Screenshot Sky)[

Und links? Da dribbelte sich der defensiv wenig geforderte Micky Karbownik das Hirn aus dem Schädel, und Emma und Shinta mussten aufpassen, dass sie ihm nicht im Weg standen. Und dann gab es in Hälfte Eins ein paar Mal die Situation, dass Iyoha und Peterson die Doppelspitze markierten und sich Kownacki weit zurückfallen ließ. Warum? Weil er viel zu selten angespielt wurde. Da hast du einen 1a-Mittelstürmer und dann ignorierst du ihn – kann ja wohl nicht wahr sein!

Und dann, liebe Coaches, üben wir bitte demnächst Diagonal- und Steilpässe. Kownacki wurde in den 95 Minuten nicht einmal steil im Sechzehner angespielt, nicht einmal. Und handgestoppte DREI Diagonalpässe in einem Spiel sind lächerlich für eine Mannschaft, die potenziell ein Spitzenteam wäre. Der Mangel an Steilpässen hat eine einfache Ursache: Kriegen die Mittelfeldler das Ei, drehen sie sich fast immer in Richtung Kastenmeier um, als ob unter dem Rasen Magneten für die entsprechende Rotation sorgen würden. Das trifft in erschreckend hohem Maß auf Cello Sobottka zu, aber auch Jorrit Hendrix ist davor nicht gefeit.

Regensburg vs F95; Hendrix nach seiner Großchance (Screenshot Sky)
Regensburg vs F95; Hendrix nach seiner Großchance (Screenshot Sky)

Apropos: Mijnheer Hendrix war mit einiger Sicherheit bester Fortuna auf dem Jahn-Rasen. Und das ist nach dessen Durchhängen noch vor wenigen Wochen eine gute Nachricht. Gut, dass Thioune ihn als Achter besetzt hat, denn das scheint die Position zu sein, auf der sich der Mann mit der F**kzwiebel auf dem Hinterkopf am wohlsten fühlt. Und das Törchen in der 58. Minute hätte ihm der Ergebene von Herzen gegönnt. Zumal es einer echten Kombination entstammte und nicht Käpt’n Zufall Regie geführt hatte. Der Kurzpass auf den halblinks am Fünfer frei stehenden Jorrit kam von Kownacki, aber der Jahn-Torwart (eine kölsche Leihgabe, übrigens…) hielt brillant.

Brillant hielt aber auch unser Florian Kastenmeiner, gewandet in strahlendes Signalgelb, ausgestattet mit einer frisch gefurchten Fußballerfrisur (Frage: Gehen eigentlich ALLE Fußballer zum selben Frisör? Oder gibt es eine DFL-Richtlinie für die Haargestaltung der Akteure?). Gefordert wurde er durch drei Fernschüsse (u.a. in der 9. und 11. Minute) sowie zwei weitere nicht ganz leicht zu parierende Schüsse im eigenen Sechzehner. Da ließ er nichts anbrennen, bescherte uns aber in der ersten Halbzeit zum Ausgleich seit Langem mal wieder einen waschechten Kastenmeier-Moment.

Regensburg vs F95; Kastenmeier musste einige Male retten (Screenshot Sky)
Regensburg vs F95; Kastenmeier musste einige Male retten (Screenshot Sky)

In der Pause sortierte Thioune um: Peterson auf links, Iyoha auf rechts. Weil der linke Flügel jetzt unter Karbowniks Regie geriet (Peterson? Wo ist Peterson?), ging da ein bisschen mehr, und rechts wurde es ein wenig besser, wobei sich Zimmermann aus unerfindlichen Gründen gestern offensiv ziemlich raushielt. Das war dann aber rasch Makulatur, weil in der 64. Minute Daniel Ginczek und Jona Niemiec für Peterson und Iyoha kamen. Das veränderte die Sache deutlich, weg von der Statik, hin zur Dynamik. Daran hatten beide Eingewechselten ihren Anteil. Noch mehr Schwung brachte dann in der 83. Minute der ewig unterschätzte Felix Klaus.

Der Ergebene denkt manchmal im Stillen, dass es schlicht die Physiognomie des Burschen ist, die ihn so harmlos erscheinen lässt, dieses Gesicht, dass immer ein bisschen so aussieht, als könne er gleich anfangen zu heulen. Denn in Wahrheit ist der Felix ein Klassefußballer, dem es eigentlich nur an Vollstreckerqualitäten mangelt. Seine Passquoten sind immer bestens, seine Sprints zwingend und seine Dribblings überwiegend erfolgreich. Selbst seine Zweikampfquote liegt höher als bei manch anderem Kollegen. Und so hat euer ergebener F95-Analyst sich auch sehr gefreut, dass ausgerechnet Felix Klaus den entscheidenden Elfer rausholte.

Regensburg vs F95; Klaus zieht den Elfer, Kownacki versenkt (Screenshot Sky)
Regensburg vs F95; Klaus zieht den Elfer, Kownacki versenkt (Screenshot Sky)

Das in der 85. Minute. Felix kreuzt im Sechzehner, ein Jahn-Mann kreuzt wiederum ihn, berührt ihn, sodass unser Herr Klaus nach vorne stürzt. Da davor alles regelkonform gelaufen war, konnte es am angeordneten Strafstoß keinen Zweifel geben. Den versenkte Kownacki kurz sowie schmerz- und humorlos. Das war dann der Siegtreffer, und auf Basis der Statistik geht der Sieg auch in Ordnung. Gefühlt aber wäre ein 0:0 das gerechtere Ergebnis gewesen, darüber gab es auch vorm Flachbildschirm in der Kneipe keine zwei Meinungen.

Nun haben sich die Kollegen von Paderborn und Klautern ja rasieren lassen, während unsere Diva endlich wieder einen Auswärtssieg ins Handtäschchen packen konnte. Weil aber Heidenheim den Darmstädtern die erste Niederlage seit anno Tobak beifügte, zementiert sich die Tabellenlage in Richtung Dreikampf. Obwohl bei elf ausstehenden Partien ein Rückstand von acht Punkten auf den Relegationsplatz rein rechnerisch noch aufzuholen ist. Zumal F95 ja die drei Führenden noch alle in der Spielautomatenarena zu Gast haben wird. Die Begegnung mit HDH wird dabei zum Sechs-Punkte-Spiel.

Regensburg vs F95; Kownacki ist unverzichtbar (Screenshot Sky)
Regensburg vs F95; Kownacki ist unverzichtbar (Screenshot Sky)

Fragt sich, ob und wer sich eigentlich einen Aufstieg in die erste Liga wünscht. Euer Ergebener hat bei seiner persönlichen Fußballfee eine erfolgreiche Relegation gegen Hertha (Rache ist Flönz!) bestellt und die damit verbundene lange Nacht rund um den Marktplatz. Ein ebenfalls schon älteres F95-Semester meinte dagegen: „Nä, da kriegen wir doch in der ersten Liga immer nur auf die Mütze und steigen gleich wieder ab.“ Ein anderer gab zu bedenken, dass es in der nächsten Saison angesichts der möglichen Absteiger aus der ersten in die zweite Liga dort sehr, sehr schwer werden wird, sodass ein Aufstieg der Fortuna unwahrscheinlicher wird. Niemand, buchstäblich niemand aber freut sich einfach so auf eine mögliche Existenz in der ersten Bundesliga.

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3 Gedanken zu „Regensburg vs F95 0:1 – „Fußball kann so schrecklich sein“…

  • Wie sagt man, ein dreckiger Sieg, 3 Punkte mitnehmen und Mund abputzen. Glück gehabt.
    Das eigene Spiel fand ich mal wieder sehr schwach (wieder mal gegen einen schwachen kriselnden Gegner), die Ausrichtung (wahrscheinlich Vorgabe vom Trainerteam) abwartend, passiv und eher reaktiv und verteidigend. Wieder starke Partie von Hendrix (er läuft aggressiv an und ist viel unterwegs und in vielen Zweikämpfen). Dem restliche Team fehlt es einfach daran, ein paar Prozent, in Aktionen einen unbedingten Willen/Einsatz zu zeigen, sei es im Sprint (nicht im Trab) möglichst gleichzeitig mit 2-4 Spielern proaktiv rein zu gehen. Da sind andere Mannschaften weiter.
    Das ständige Wechseln durch DT von Positionen tut den Spielern einfach nicht gut.
    Glückwunsch noch an André Hofmann, es ist schon überragend wie er das macht, erst mal Ballannahme, dann 2-4 Sekunden warten, dann spielt er von 10 Bällen, 6 mal zu Kaste und 4 mal zu Klarer. Das ist doch kein Fußball, sorry und ähnlich macht es Sobottka.

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    • Das mit dem völlig überschätzten AH sehe ich genauso: sein pomadiges (pardon!) Nicht-Aufbauspiel trägt erheblich zur Blockade einer forschen Vorwärtsbewegung bei. Der Mann möchte einfach möglichst wenig Fehler machen und die Sicherheitspässe zum Torwart und Kollegen sind da patent. Diese Behäbigkeit des Mannschaftskapitäns steckt andere an.

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  • Danke für die endlich mal positive und reelle Bewertung von dem vorbildlichen F. Klaus. Nur 3-4 Spieler mit seiner Einstellung und Willenskraft und Fortuna würde woanders stehen. Mit ein wenig mehr Glück in den letzten Wochen, und man würde Ihn zum Messias erklären anstatt wie in den Foren geschieht, platt machen. Nur peinlich.

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